Kultur : Hall in Hallen

Im Ausweichquartier: Die Berliner Philharmoniker spielen im Hangar 2 des Flughafens Tempelhof

Ulrich Amling

Zwei Wochen müssen die Philharmoniker ihr vom Brand gezeichnetes Stammhaus meiden. Zwei Wochen der Entbehrung, die auch deutlich machen, wie luxuriös und zugleich fragil der philharmonische Konzertbetrieb unter Normalbedingungen abläuft. Nach einer spektakulären Frühsommernacht mit Claudio Abbado und Maurizio Pollini in der technisch noch nicht aus dem Winterschlaf erwachten Waldbühne zog Simon Rattle mit seinen Musikern mit einem reinen Berlioz-Programm nun in den Hangar 2 des Flughafens Tempelhof um. Eine vorgezogene Premiere – ursprünglich sollte die Halle erstmals im September zum Musikfest mit Messiaen und Stockhausen beschallt werden. Letzerer hat immerhin mal ein Helikopter-Quartett geschrieben.

Schnell wurden ein paar Schallsegel gehisst und vereinzelt Stoffbahnen unter dem schwüldunstigen Blechhimmel eingezogen. Ein Ausprobieren, mehr: ein Durchhalten. Der Hangar 2 hat als Raum null architektonischen Charme und als Konzertsaal keinerlei Transparenz. Selbst erbitterte Tempelhof-Befürworter verlassen diesen Ort durchgeschwitzt und gänzlich illusionslos. Wenn endlich der Flugbetrieb ruht, kann man es ja noch mal mit der Abfertigungshalle probieren, ohne das Dröhnen der Motoren.

Susan Graham merkt man ihr Befremden durchaus an, als Cléopâtre vor dieser Szenerie ihr entehrtes Leben per Reptilienbiss beenden zu müssen. Berlioz' „Lyrische Szene für Sopran und Orchester“ findet trotz massiven Verstärkereinsatzes nicht zu einer Balance, geschweige denn zu einer Brisanz zwischen akademischer Dichtung und radikal individuellem Komponieren. Rattle spürt diesen Spannungsabbruch – und entschließt sich dazu, die „Symphonie fantastique“ mit voller Emphase zu spielen, Musiker und Publikum auf diese Weise zu entschädigen für widrige Umstände. Beinahe bekommt man Angst um ihn, so viel Liebe und Optimismus pumpt der Philharmonikerchef ins Orchester. Nur: Berlioz' Musik verliert unter diesem einseitigen Druck ihre Schärfe, das Ätzende, das Ungenießbare auch. Davon hatten wohl alle schon genug in den letzten Tagen (noch einmal heute, 20 Uhr). Ulrich Amling

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