Kultur : Halle des Volkes

Falk Walter hat die Treptower Arena zur Theaterfabrik gemacht. Das Théâtre du Soleil ist sein Jubiläums-Geschenk

Peter Laudenbach

Ariane Mnouchkine war lange nicht in Berlin. Zum letzten Mal konnte man ihr weltberühmtes Théâtre du Soleil hier Ende der Neunzigerjahre sehen. Damals, lange vor dem 11. September 2001, zeigte die französische Groß-Regisseurin Molières „Tartuffe“ als Parabel über bigotte Moslem-Fundamentalisten. Das „Tartuffe“-Gastspiel in der Treptower Arena, wie schon Mnouchkines „Atriden“-Trilogie in den Potsdamer Filmstudios Anfang der Neunziger, war eine Veranstaltung der damals sehr vitalen Berliner Festspiele. Niemand anderes hätte die Kraft, das Geld, die Verbindungen und die Organisation gehabt, um Mnouchkines legendäre Truppe einzuladen. Jetzt, nach einer viel zu langen Pause von acht Jahren, kommt Mnouchkine wieder nach Berlin. Und wieder in die Arena. Das neue Stück des Sonnentheaters, die bildmächtige Inszenierung „Le Dernier Caravansérail“, erzählt vom Elend der an den Küsten der Festung Europas gestrandeten Flüchtlinge aus den Elendsregionen der Welt.

Das Gastspiel ist eine kleine Sensation. Und das nicht nur, weil die siebenstündige Inszenierung seit ihrer Premiere in Paris als maßstabsetzende Arbeit des europäischen Theaters gefeiert wird. Diesmal sind es nicht die subventionierten Festspiele, die Mnouchkine nach Berlin holen, sondern ein abenteuerlustiger und offenbar ziemlich geschickter Theatermann, der in den letzten zehn Jahren ohne einen Cent Subventionen einen lebendigen Veranstaltungs-, Konzert- und Theaterkonzern hochgezogen hat: Falk Walter, Erfinder, Gründer und Miteigentümer der Treptower Arena. Als er Mnouchkines neue Inszenierung Ende letzten Jahres in Paris sah, „hat es mich umgehauen. Ich habe lange nichts gesehen, was so leise und genau und gleichzeitig so kraftvoll und gewaltig ist“, sagt er. „Das Gastspiel schenken wir uns selbst zum zehnten Geburtstag der Arena.“

Dass er daran nichts verdienen wird, weiß Walter schon jetzt. Die Weltstars aus Paris einzuladen, ist nicht billig. Knapp eine halbe Million Euro kostet die Arena das dreitägige Gastspiel. Weil Mnouchkine nur jeweils 600 Zuschauer pro Aufführung zulässt, wird Walter trotz stolzer Kartenpreise ab 70 Euro und eines Zuschusses des Hauptstadtkulturfonds auf Verlusten von deutlich über 100000 Euro sitzen bleiben. Theoretisch. Praktisch rechnet der Kultur-Veranstalter anders: Mit dem Mnouchkine-Gastspiel bringt er die Arena wieder einmal als prominenten Theaterort ins Gespräch. Das ist gute Werbung für das anschließend stattfindende Volkstheater-Festival „Schön & Gut“ und für die im kommendenden Jahr geplante Neueröffnung des Admiralspalastes in der Friedrichstraße. Gleichzeitig erleichterte der große Name der Star-Regisseurin die Sponsoren-Akquise für die Veranstaltungsreihe zum Jubiläum.

Und weil Walter rund um die Arena in den letzten Jahren nicht nur das Badeschiff in der Spree, sondern eine ganze Kneipenlandschaft etabliert hat, vom Restaurant-Schiff Hoppetosse über den „Club der Visionäre“ bis zur Bar „Freischwimmer“, verdient er nicht nur an den Theaterkarten, sondern auch am Bier, das die Theatergänger nach der Vorstellung trinken. Umwegfinanzierung nennt man das.

Mit einem Netzwerk aus verschiedenen Geschäftsfeldern wollte Falk Walter von Anfang an seine Theaterproduktionen in der Arena finanziell absichern. Das Geld, das mit Rock-Konzerten und Firmen-Events verdient wurde, sollte die Theater-Inszenierungen quersubventionieren. „Inzwischen machen unsere Theater-Eigenproduktionen über die Hälfte des gesamten Umsatzes und unserer Gewinne aus“, sagt der Arena-Chef heute. Möglich wird das unter anderem, weil die Arena erfolgreiche Produktionen geschickt weiterverwertet. Für den Monolog „Caveman“ beispielsweise hat Walter nicht nur die Aufführungsrechte für Berlin, sondern gemeinsam mit einem isländischen Theater-Unternehmen für ganz Europa gekauft. Und weil die Berliner Produktion so erfolgreich war, wurde sie nicht einfach auf Tournee geschickt, sondern vervielfältigt.

Insgesamt 16 „Caveman“-Produktionen touren derzeit durch den deutschsprachigen Raum. „Ich habe fünfzehn Kopien der Inszenierung eingerichtet“, sagt Walter. „Jeden Tag finden irgendwo in Europa mindestens vier Aufführungen statt.“ Und an jeder einzelnen Theaterkarte verdient die Arena mit. Mit anderen Worten: „Caveman“, der Monolog über den Mann als Steinzeitwesen, hat sich zu einer hübschen kleinen Gelddruckmaschine entwickelt. Ähnlich haben sich die verspielten PuppentheaterStücke der „Flöz“-Produktion vermehrt. Das poetisch-absurde „Ristorante Immortale“ war am letzen Wochenende gleichzeitig in Israel und in Singapur zu sehen.

Dass der kommerzielle Erfolg nicht mit theatralischer Massenware und Schenkelklopf-Boulevard erkauft wird, macht das rasante Wachstum rund um die Arena zu einer Art Theater- und Wirtschaftswunder. Das ist auch den Wettbewerbern nicht verborgen geblieben. Immer mal wieder fragen Headhunter bei Walter an, ob er nicht bei einem Unterhaltungskonzern für eine Traumgage als Manager einsteigen wolle. Walter: „Darüber muss ich keine Sekunde nachdenken. Ich bin doch nicht wahnsinnig.“ Als ein Investor vorfühlte, ob Walter vielleicht die Arena für einen zweistelligen Millionen-Betrag verkaufen wolle, fiel die Antwort ähnlich kurzangebunden aus.

Mit den Theaterproduktionen kehrt Walter zu seinen Wurzeln zurück. Bevor er die Arena gründete, hatte er seine Tage und Nächte im Theater verbracht. Walter, gelernter Schauspieler, hat an Stadt- und Staatstheatern in Bremen und Stuttgart gespielt. Die Frage, ob er ein guter Schauspieler war, beantwortet er denkbar charmant: „Manchmal“. Nach vier, fünf Jahren am Stadttheater hat es ihm gereicht. Er wollte raus aus der Mühle. Und mit Freunden ein eigenes freies Theater gründen. Bei der Suche nach einem geeigneten Ort stießen sie auf eine leer stehende Halle an der Spree.

„Le Dernier Caravansérail“, am 10., 11. und 12. Juni in der Arena.

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