Hallen : Alles unter einem Dach

Bahnhöfe, Boxkämpfe, Parteitage: Die Halle ist der flexibelste Bautyp der Moderne. Die Berliner O2-Arena hat viele Vorgänger.

Bernhard Schulz
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Vorbild Rom: Rundbauten sind seit der Antike beliebt. Hier die Royal Albert Hall in London. -Foto: dpa

Bei der Last Night of the Proms schwenken die Besucher Fähnchen und stimmen in die heimliche Nationalhymne „Rule, Britannia“ ein. Die „Promenadenkonzerte“ finden damit ihren traditionellen Abschluss – und erinnern daran, dass der Aufführungsort, die Royal Albert Hall in London, als Gedenkstätte errichtet wurde, zur Erinnerung an den früh verstorbenen Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg-Gotha, dem London und das Empire so viel verdanken. Beispielsweise die Errichtung des Crystal Palace, jener gigantischen gläsernen Halle, in der die Great Exhibition von 1851 abgehalten wurde, die Gründungsveranstaltung aller Weltausstellungen.

Bis zu 10 000 Zuschauer finden in der Royal Albert Hall Platz, die bis heute auch Stehplätze bietet, Reminiszenz an die billigen Plätze auf den Galerien der Theater, die dem „Volk“ Zugang boten. Wie viele Menschen in die 1871 eröffnete Londoner Halle passen, ist eine beliebte Quizfrage. Ihr haben sich auch die Beatles gestellt, als sie – auf dem legendären Album „Sgt. Pepper’s“ – träumten, „wie viele Löcher es braucht, um die Royal Albert Hall zu füllen“.

Solch liebevolle Ironie ist anderen Hallen nicht zuteil geworden. Die deutsche Erinnerung hat eher den Berliner Sportpalast im Sinn, 1910 eröffnet. Sie stellt den Prototyp einer Sporthalle dar: erst mit einer Eisbahn für jedermann, die später Eishockey populär werden ließ, dann zusätzlich mit einer Holzbahn für Sechstagerennen, mit Boxkämpfen und natürlich auch Konzerten. Aber eben auch mit der furchtbaren Rede von Josef Goebbels, der im Februar 1943 geiferte: „Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt erst vorstellen können?“ Die Antwort: tosendes „Heil“-Geschrei.

Hallen. Es gibt Sporthallen, Fabrikhallen, Markthallen, Bahnhofshallen, Lagerhallen und Hallenkirchen. In der DDR gab es die Kaufhalle. Architektonisch ist die Halle ein überaus flexibler Gebäudetypus – ein weiter, gedeckter Innenraum (meist) ohne Stockwerksteilung. Ihr konstituierendes Merkmal ist die Nutzbarkeit für verschiedenste Zwecke. Historisch ist die Halle nicht unbedingt geschlossen: Sie kann eine Wandelhalle sein, aus der griechischen Antike als Stoa bekannt, als Säulenhalle, die teils dem gelehrten Gespräch gewidmet war, teils aber auch – wie die Stoa des Attalos in Athen – ganz profan dem Handel. Die Trierer Palastaula, aufgrund ihrer späteren Nutzung als christliche Kirche fälschlich als „Basilika“ bezeichnet, bezeugt mit ihrer stützenlosen Weite die Ingenieurskunst der Römer.

Doch seine Hochzeit erlebte der Bautyp der Halle mit dem Aufkommen von Eisen und später Stahl als den tragenden Materialien und Glas als Verkleidung. Der von dem Erbauer zahlreicher Gewächshäuser entworfene, aus vorgefertigten Teilen errichtete Londoner Kristallpalast ließ bereits die grundsätzlich unbeschränkte Ausdehnung von Hallen erahnen, wie sie alsbald in Gestalt von Fabrikhallen den Siegeszug der Industriellen Revolution begleiteten. Die Eisenbahn als neues Fortbewegungsmittel forderte zu grandiosen Hallenbauten heraus, nicht allein aus funktionalen Erwägungen – etwa der Unterbringung einer immer größeren Anzahl von Gleisen –, sondern mehr und mehr als Ausweis von Bedeutung und Wirtschaftskraft der jeweiligen Eisenbahngesellschaft wie der betreffenden Stadt. Die großen Hallen in London oder Paris künden noch heute vom Glanz des Eisenbahnzeitalters.

Ja, Paris, die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts: Da gab es einen Komplex, der schlicht Les Halles hieß, und gleich zwei Metro-Stationen erinnern mit ihrem Namen noch immer an den „Bauch von Paris“, wie Emile Zola die Hallen wegen ihrer Funktion als Großmarkt nannte. 1848 vom Ingenieur Baltard als System von insgesamt zwölf weitgehend baugleichen Hallen mit Oberlicht entworfen und bis 1870 errichtet, fielen sie ein Jahrhundert später dem Modernisierungswahn zum Opfer. Den Verlust hat Paris nie verwinden können; die unglaublich hässliche Ausfüllung des durch den Bau einer unterirdischen Schnellbahn entstandenen Lochs mit einer trichterförmig nach unten abgetreppten Ladengalerie erinnert schmerzlich an den Abriss.

Der Typus der Veranstaltungshalle für große Massen von Zuschauern, zu Sportereignissen, Konzerten oder Parteitagen, kam erst im 20. Jahrhundert auf. Die Breslauer Jahrhunderthalle von 1913 ist eine der ersten, die die konstruktiven und gestalterischen Möglichkeiten des neuen Baustoffs Beton demonstrieren. Die runde Form besticht unter funktionalen Gesichtspunkten wie Zuschauerkapazität oder Erreichbarkeit der Plätze. Die Dortmunder Westfalenhalle, 1952 die erste und für lange Zeit unübertroffene große Halle der Bundesrepublik, nimmt die runde Form auf. Demgegenüber erfüllen rechteckige Hallen die Aufgabe, ein ebensolches Spielfeld mit Zuschauerrängen zu umgeben. Bekanntestes Beispiel ist die Berliner Deutschlandhalle mit ihren 10 000 Plätzen, in der von Eishockey bis Hallenfußball alles stattgefunden hat – bis hin zu spektakulären Innenraum-Flugvorführungen. Jetzt steht das Gebäude vor dem Abriss – ein Schicksal, das den Sportpalast bereits 1973 ereilt hat.

Damals entstanden in den Vereinigten Staaten gigantische Sporthallen, die weniger eines architektonischen Anspruchs als ihrer Größe halber zu Symbolen des Fortschritts avancierten: der Houston Astrodome 1965 als erstes kuppelgekröntes Sportstadion weltweit und der Louisiana Superdome ein Jahrzehnt darauf, beide mit weit über 60 000 Plätzen. Übrigens hatte Ludwig Mies van der Rohe 1954 eine Multifunktionshalle für Chicago entworfen, die – dem Meister gemäß ganz und gar rechteckig – mit ihrer frei überdeckten Fläche alles bis dahin Gebaute übertroffen hätte.

Mit der bis zu 20 000 Besucher fassenden Köln-Arena brach 1998 auch in Deutschland das Zeitalter der Großsporthallen an. Die markante Gestalt dank des ebenso tragenden wie zeichenhaften Stahlbogens, an dem die Hallendecke aufgehängt ist, und der umlaufenden Auskragung des Dachs verleiht dem Kölner Domizil von Eishockey und Handball ihren architektonischen Rang. Seit der Handball-WM 2007 kennt man die Halle auch über die regionalen Grenzen hinaus.

Entworfen hat die Kölner Halle – die wie die Mehrzahl kommerziell betriebener Hallen neuerdings den Namen eines Sponsor genannten Unternehmens trägt – der Architekt Peter Böhm, Spross einer berühmten Kölner Baumeisterfamilie in dritter Generation. Mit solcher Urheberschaft steht die Kölner Halle recht einsam da: Für Berlins Arena am Ostbahnhof wird kein Architekt genannt. Die naheliegende Häme, so sehe die Halle denn auch aus, trifft indessen durchaus nicht zu: Die gläserne Hauptfront etwa lässt mit dem Schwung ihrer gebogenen Fassade durchaus an Theaterarchitekturen der Nachkriegszeit denken.

Am Namensgeber kann die Zurückhaltung gegenüber der Baukunst eigentlich nicht liegen, hat dieser doch zugleich die Namensrechte an der Londoner Riesenhalle des (früheren) Millennium Dome erworben, jenes kommerziell desaströsen Bauwerks im Osten Londons, das Hightech-Altmeister Richard Rogers zur Jahrtausendwende als überdimensionales Zirkuszelt mit 320 Metern Durchmesser und 50 Meter Höhe entworfen hatte.

Wo die Sporthalle als geschlossenes Gebäude aufhört und das überdachte Stadion anfängt, lässt sich mittlerweile kaum noch entscheiden. Ist’s der derzeit noch aus natürlichen Grashalmen bestehende Rasen, der den Unterschied einer Fußballarena zu einer reinen Halle ausmacht? Die übrige Ausstattung jedenfalls kann es nicht sein: Der Berliner Neubau verfügt – wie die modernen Stadien nach Art der von den Schweizer Weltstars Herzog & de Meuron entworfenen Münchner Fußballarena – ebenso über edel bestuhlte Business-Logen für die Gutbetuchten wie über kilometerlange Bierleitungen fürs Fußvolk. In der großen Halle werden die gesellschaftlichen Unterschiede für die Dauer der Veranstaltung zwar nicht aufgehoben, doch unter einem Dach optisch eingeebnet. Wie schon im alten Rom, wo sich unter den Sonnenschutzsegeln des Colosseums Patrizier und Plebs einträchtig versammelten, um gemeinsam den Gladiatoren zuzujubeln.

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