Kultur : Hallen für die Söhne des Himmels

Eine monumentale Buchreihe präsentiert erstmals die ganze Fülle der chinesischen Architektur

Bernhard Schulz

Die große Ausstellung „Schätze der Himmelssöhne“ im Alten Museum macht mit dem ganzen Reichtum der Kultur im chinesischen Kaiserreich bekannt. Eine Gattung jedoch, wenngleich in den Bildwerken vielfältig geschildert, fehlt: die Architektur. Dabei ist der räumliche Zusammenhang, in dem die in Berlin gezeigten Schätze gehütet wurden, Architektur: die der Verbotenen Stadt.

Über deren Architektur erfährt allenfalls beiläufig, wer Ausstellung und Katalog zu Rate zieht. Nun gibt es seit ein paar Jahren ein geradezu monumentales Vorhaben, das mit der chinesischen Architektur bekannt machen will. „Ancient Chinese Architecture“ heißt die auf zehn überformatige Bände angelegte Reihe, die zunächst im Verlag „China Architecture and Building Press“ erschienen ist und seit Anfang 1998 beim Wiener Springer Verlag in einer englischsprachigen Lizenzausgabe erscheint. Soeben erst erschien mit dem Band „Islamic Buildings“ der achte Band der Folge. Mit Abschluss der Gesamtreihe wird zweifellos ein tieferes Verständnis für die Baukunst im Reich der Mitte geschaffen sein.

Dazu tragen in erster Linie die Farbfotografien bei, die das Herzstück eines jeden Bandes bilden. Das Großformat von 26 mal 36 Zentimetern erlaubt detailreiche Ausschnittansichten, insbesondere der verwirrend farb- und formfreudigen Dekorationen, die die chinesische Architekturauffassung kennzeichnen; bisweilen sind gar Klapptafeln vorgesehen. An die jeweils rund 80 ganzseitigen Abbildungen schließt sich ein Textteil mit begleitenden Farbaufnahmen an. Diesem folgen die Erläuterungstexte zum Tafelteil sowie Landkarten und Chronologie.

Das bekannteste Bauwerk – einmal abgesehen von der Großen Mauer im Norden des Kernlandes – ist der Kaiserpalast in Peking, seit der Ming-Zeit „(Purpurne) Verbotene Stadt“ genannt. Es ist zugleich die ausgedehnteste und wohl am besten bewahrte Anlage der chinesischen Architektur.

Rechtwinkligkeit, Symmetrie und Betonung der Horizontalen kennzeichnen den gesamten, ungefähr 1000 mal 760 Meter messenden Komplex; er fügt sich damit in uralte Prinzipien ein. Die gesamte Anlage ist eine rhythmisch durchkomponierte Abfolge von Toren, Höfen und Hallen, die die räumliche Annäherung an die eigentliche Thron- und Audienzhalle bilden, die „Halle der Höchsten Harmonie“ mit dem Drachenthron. Erst Kaiser Yongle (1402-24) machte Peking zur dauerhaften Hauptstadt des Reiches; auf ihn geht die Anlage der Verbotenen Stadt zurück, deren älteste Bauten mithin aus dem frühen 15. Jahrhundert stammen, indessen im 17. Jahrhundert erneuert und ergänzt wurden. Inwieweit die heute zu bewundernde Bausubstanz aus Yongles Zeit stammt oder eine Nachschöpfung darstellt, ist für den Laien prima vista nicht ersichtlich.

Ins Auge springt die spirituelle Grundlage des chinesischen Bauens, die sich in der ganzen Fülle der Bedeutungen jedoch nur dem Kenner erschließt. Gerade der Kaiserpalast als Machtzentrum und zugleich Wohnstätte des Herrscherhauses, aber eben auch als gebautes Bild der himmlischen Abkommenschaft des Kaisertums überhaupt, verlangte die sorgfältigste Anwendung der Prinzipien von Yin und Yang, von himmlischer und irdischer Energie; dazu der fünf Elemente, denen wiederum fünf Farben zugeordnet sind, ferner fünf Lebensalter und so weiter – in toto ein Komplex an rituellen Bedeutungen, der die Gesamtheit der überbordenden, dekorativen Einzelelemente zusammenbindet.

Weniger deutlich werden aus der vorliegenden Buchreihe die konstruktiven Eigenarten, die sich eben hinter der Fülle des Bauschmucks verbergen. Grundsätzlich werden die Hallen – der Bautyp deutet es an – nicht von Mauern, sondern von hölzernen Pfeilern getragen, auf denen ein komplizierter hölzerner Dachstuhl aufliegt. Die Ziegel – 80 Millionen Stück sind in der Verbotenen Stadt vermauert – dienen ledglich der Ausfachung sowie der Anlage von Terrassen, auf denen sich seit jeher die hölzernen Bauten erheben, geschützt gegen Regen und Grundwasser.

Eine Besonderheit der Verbotenen Stadt ist die gelbe Farbe der glasierten Dachziegel: kaiserliches Gelb, das die „Landschaft“ der zahlreichen, von den Seiten zum Zentrum hin ansteigenden, längsrechteckigen Dächer aus dem Schachbrettmuster der umliegenden Stadt heraushebt.

„Heraushob“, muss es mittlerweile heißen – denn die traditionelle Stadt ist zum Untergang verurteilt. Die typischen Pekinger Hutongs, die Wohnhöfe mit eingeschossiger Umbauung, sind zu einem Gutteil bereits abgerissen und durch Hochhäuser ersetzt. Auch unter diesem Aspekt der gewaltigen, oft auch gewalttätigen Modernisierung gewinnt die Buchreihe ihre Bedeutung. Ein Band ist den ganz gewöhnlichen Wohn- und Siedlungsbauten gewidmet, jener am stärksten von der Zerstörung bedrohten, zugleich aber in ihrem Formenreichtum reichhaltigsten Baugattung.

Die geografische und klimatische Vielfalt des chinesischen, über die meiste Zeit die doppelte Größe Europas messenden Riesenreiches spiegelt sich stärker noch als im Palast- oder Tempelbau in dieser traditionsbestimmten „Architektur ohne Architekten“. Eindrucksvoll sind die bewehrten Rundbauten aus Lehm in Fujian; dem regenreichen Gebirge gemäß die Satteldächer von Guangxi; und mit Aufnahmen von Lehmziegelmauern aus Tibet oder gar Nomadenzelten aus Sinkiang erinnert das Buch daran, dass die Macht der chinesischen Herrscher stets weit in die unwirtlichen Regionen des fernen Westens hinausreichte.

Umgekehrt nahm Zentralchina von dort zahllose und tief gehende Anregungen auf und assimilierte sie, seiner kulturellen Eigenart gemäß, zur ununterscheidbaren Gegenwart einer aus vielen Quellen gespeisten Tradition. Der vielleicht anregendste Band der Buchreihe ist der soeben erschienene zu den Islamischen Bauwerken. Es ist im Westen kaum bewusst, in wie starkem Maße auch der Islam seine Spuren in China hinterlassen hat – und zu sino-islamischen Sonderformen geführt hat, die – wie die Moschee in der alten Kaiserstadt Xi’an – zu den herausragenden Baudenkmälern zählen.

Unter dem seit 2200 Jahren geheiligten Primat des Einheitsstaates verdeckt China seine multi-ethnische Vielfalt. Es ist eine besondere Leistung seiner Kultur, vielfältigste Einflüsse amalgamiert und gerade auch in der Architektur zu einer gemeinsamen Formensprache verschmolzen zu haben. Die baulichen Denkmäler dieser Tradition sind heute vielfach gefährdet. Zum Erbe hat auch die nach-maoistische Volksrepublik ein gespaltenes Verhältnis. Darüber schweigt die Buchreihe, so unschätzbar ihr Verdienst in der Dokumentation dieses so reichen architektonischen Erbes auch ist.

Ancient Chinese Architecture. Springer Verlag, Wien/New York, 1998ff. 10 Bände, je Band ca. 200 Seiten, 140 Farbabb., geb. 106 €. Bei Abnahme des Gesamtwerks je Bd. 84,80 €.

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