Kultur : Hallo, Amerika

Entdeckung: Russische Pop-Art in der Berliner ifa-Galerie

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Seine erste Ausstellung hatte er mit sechzehn. Mit siebzehn gründete er eine Kunstrichtung, von deren Existenz bisher nur Eingeweihte wussten: die sowjetische Pop-Art. Michail Tschernischow, 1945 in Moskau geboren, seit 1980 ansässig in New York, ist zwar schon lange kein Unbekannter mehr, sein überaus bemerkenswertes Frühwerk hat man trotzdem erst jetzt entdeckt. Was einerseits an der relativ starken Abschottung der russischen Gemeinde in Soho liegen mag und andererseits beweist, dass die Aufmerksamkeit in der vermeintlich so engmaschig verwobenen Kunstwelt konjunkturellen Schwankungen unterworfen ist. Insofern stellt die Mini-Retrospektive, die die ifa-Galerie Tschernischow derzeit widmet, eine Pionierleistung dar: Gezeigt werden Zeichnungen, Aquarelle, Fotografien und Ready-Mades von 1961 bis heute, welche die Sonderstellung dieses Nonkonformisten auf verblüffende Weise deutlich machen.

Seine künstlerische Laufbahn begann Tschernischow als eine Art intellektuelles Wunderkind, das seinen Hang zur Renitenz im Interesse für amerikanisches Design und das internationale Kunstgeschehen kompensierte. Kein unmögliches Unterfangen im Moskau der späten fünfziger Jahre: Als Sohn eines Universitätsprofessors stand ihm die gut sortierte „Bibliothek für Auslandsliteratur“ offen, außerdem war während der Phase der politischen Lockerung unter Chruschtschow sowieso etliches in Bewegung geraten. 1959 fand in Moskau die „American National Exhibition“ statt, eine offizielle Leistungsschau, in der die Vereinigten Staaten den Sowjetbürgern ihre Errungenschaften in den Sparten Haushalt, Automobilbau und bildende Kunst präsentierten.

Für den frühreifen Tschernischow war diese Ausstellung eine Offenbarung. Fortan beschäftigte er sich fast manisch mit den Traditionen der Moderne und entwickelte Theorien, wie diese in die sowjetische Lebensrealität zu übersetzen seien. Dabei interessierte er sich besonders für das Phänomen Massenware, das er - wie zur selben Zeit auf der anderen Seite des Atlantiks Andy Warhol – als Synonym für den technischen Fortschritt und seine Beschränkung verstand. Tschernischow hängte Tapeten an die Wände und deklarierte sie als „Bilder". Er sammelte Fotos von militärischem Gerät, die er mit „naiven“ Aquarellen von Kampfflugzeugen kombinierte – eine Respektlosigkeit gegenüber der in der UdSSR omnipräsenten Armee, die ihn beinahe den Kopf gekostet hätte. In anderen Arbeiten feierte er Abstraktion und Konkretion, nicht ohne dem Ganzen durch den Kunstgriff der „Verdoppelung“ (so auch der Titel der Serie) eine ironische Wendung zu verleihen.

So weiß man nicht, was man mehr bewundern soll: die Stilvielfalt, die grenzüberschreitende Zeitgenossenschaft oder die Eigenständigkeit in Tschernischows Schaffen. Man darf gespannt sein, was das Interesse für unangepasste Kunst aus Osteuropa noch alles zu Tage fördert. Ulrich Clewing

Ifa-Galerie, bis 13. Oktober. Künstlerbuch und Katalogheft zusammen 12 €.

Arbeiten von Michail Tschernischow auch in der Galerie Marina Sandmann, Linienstraße 139/140, bis 19. Oktober.

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