Kultur : Halsabschneiders Himmelfahrt

Dagmar Manzel dreht den Fleischwolf im Sondheim-Musical „Sweeney Todd“ an der Komischen Oper

Frederik Hanssen

Die Komische Oper Berlin hat sich herausgeputzt über die Sommerpause: Eine bunte Banderole zieht sich rund um die Fassade an der Behrenstraße, die Bars im Foyer sehen jetzt großstädtisch aus und der versiffte Teppichboden im zweiten Rang wurde ausgetauscht. Proper präsentiert sich auch die erste Saisonpremiere: Christopher Bonds Inszenierung von Stephen Sondheims „Sweeney Todd“ sieht verdächtig nach „Les Misérables“ aus: Düstere Gassen im Bühnennebel, aufgedonnerte Bourgeoisie, Lumpenproletariat, viel Aktion und wenig Aussage. Fans des musical drama können sich freuen – in der Komischen Oper bekommen sie jetzt vergleichbare Unterhaltungsware zum Schnäppchenpreis. Bei der Stage Holding im Theater des Westens (TdW) sind mindestens 33 Euro zu berappen, für „Sweeney Todd“ beginnen die Tickets bei acht Euro.

Für das Genre Musical in Berlin aber ist es bedauerlich, dass diese Produktion nicht mehr geworden ist als brav und professionell. Nach dem Tod des Metropol-Theaters und der Vermietung des TdW an die auf Dauerbrennerstücke spezialisierte Stage Holding schien es, als sei dem klassischen wie dem experimentellen Musical in Berlin die Existenzgrundlage entzogen. Jetzt aber wagen drei Institutionen unabhängig voneinander einen Vorstoß: Auf „Sweeney Todd“ folgt am 7. Oktober die Off-Broadway-Show „Pinkelstadt“ im Schlossparktheater, und am 23.10. öffnet sich in der Bar jeder Vernunft der Vorhang zu „Cabaret“.

Während die beiden letztgenannten als Privatunternehmer schon durch das unbekannte Stück respektive die Wahl des kleinen Veranstaltungsraumes ein Risiko eingehen, konnte man sich von der Komischen Oper Mut erwarten. Mit Dietrich Hilsdorf war auch einer der interessantesten deutschen Regisseure verpflichtet worden – der aber krankheitsbedingt absagen musste. Um den Premierentermin nicht zu gefährden, griff die Intendanz auf einen Routinier zurück: Von Christopher Bond stammt nicht nur das Theaterstück, das Sondheim 1979 zu „Sweeney Todd“ inspirierte, sondern er hat dieses Musical sechs Mal selber auf die Bühne gebracht. Und so wirkt der ganze Abend wie der siebte Aufguss eines Beutels english breakfast tea, mit kinorealistischer Straßenkulisse (Dieter Richter) und Rüschenfummel wie aus dem Fundus (Renate Schmitzer).

Dabei ist das Ensemble klasse: Roger Smeets, alter Recke aus Harry-Kupfer-Zeiten, hat das Format für den britischen Barbier, der im London des frühen 19. Jahrhunderts aus nicht ganz erklärlichen Gründen zum Massenmörder wird. Mit Dagmar Manzel steht ihm eine hinreißende vulgäre Mrs. Lovett zur Seite: Wenn sie als hilfsbereite Nachbarin die Opfer des Halsabschneiders ruckzuck zu Fleischpastete verarbeitet, lässt sie mitten im Gesang immer wieder kleine, fiese Sätze fallen wie Messerchen, wechselt blitzschnell den Tonfall, verändert die gefühlte Temperatur des Dialogs, so wie es eben nur Schauspielerinnen können. Stephan Spiewok, Peter Renz und Thomas Ebenstein warten gleich dreifach mit tenoralen Schmelz auf, das Orchester spielt glänzend unter Koen Schoots, knackig und scharfkantig, in jedem Moment auf der Höhe von Sondheims komplexer, eklektischer Musiksprache.

Und doch dehnt sich die Zeit, vor allem im zweiten Akt, weil Bond sich nicht traut, die makabre Story in ihrer politischen Unkorrektheit so weit zu überdrehen, bis sich Provokation und Klamauk berühren, bis der Horror sich in entfesselte Hirngespinste auflöst, über die man wieder lachen kann. So, wie beispielsweise die Tiger Lillies mit dem „Shockheaded Peter“. „Der Mensch ist des Menschen Fleischwolf“ müsste, frei nach Hobbes, das Motto des Abends lauten. Wenn aber lediglich Menschendarsteller die historisierende Bühne bevölkern, die sich alle nur nach ein bisschen Liebe sehnen, wird die ganze blutige Chose am Ende so weich wie ein frisch ausgerollter roter Teppich.

Wieder am 2., 9., 15., 22. u. 25. Oktober.

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