Kultur : Halt auf halber Strecke

Bernhard Schulz entsinnt sich der Documenta,anderer Events

Kassel und Kabul beginnen mit denselben Buchstaben. Damit sind die Gemeinsamkeiten auch schon erschöpft. Denn die Zweigstelle der Documenta 13 in der afghanischen Hauptstadt ist bereits zu Ende gegangen, ohne dass es weiter bemerkt worden wäre.

Nicht so wie am Anfang, als die Absicht der Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev in Kabul Kunst zu zeigen, Aufsehen erregte. Kunst in Kabul, das sollte bedeuten, dass die Documenta 13 kein Selbstzweck sein sollte, sondern die Probleme und Konflikte dieser Welt angeht. Darum ist es merklich ruhiger geworden. Zur Documenta-Halbzeit, die zumindest hinsichtlich des Zuschauerzuspruchs ein – wenn auch kleines – Plus gegenüber der Vorgängerveranstaltung erkennen lässt, zeigte sich die Künstlerische Leiterin zufrieden: „Besonders glücklich macht mich, dass viele Besucher mehrmals wiederkommen, sich bei sich und zu Hause fühlen in einer Ausstellung, die sowohl sinnliche, perzeptuelle Erfahrungen bietet, als auch eine intellektuelle Herausforderung darstellt.“ Sommerzeit, Sommerfreuden.

Es führt zu nichts, von der Kunst anderes zu erwarten als Kunst. Was an ihr und durch sie wirken kann, aufrütteln, gar umstürzen, lässt sich nicht vorherbestimmen. Nicht einmal Picassos „Guernica“ war an der Staffelei gesungen, zu welch durchschlagender Bedeutung das Gemälde einmal kommen würde, als es 1937, von der Öffentlichkeit herzlich unbeachtet, im spanischen Pavillon angebracht wurde. Kunst, die politische Wirkung heischt, bleibt meist Propaganda.

Das hat die Berlin Biennale gezeigt, die unlängst zu Ende gegangen ist und bereits so vergangen wirkt, als habe sie in einem anderen Jahrhundert stattgefunden. Und das Guggenheim Lab, das sich am heutigen Sonntag mit einer Art Gartenfest verabschiedet, ist ohnehin weit unter der Messlatte durchgerutscht, die seine Schöpfer aufgelegt hatten. Wiewohl nicht Kunst im engeren Sinne, berührte sich das Lab mit heutigen künstlerischen Aktivitäten, die unter „Intervention im Stadtraum“ rubriziert werden.

Hat Joseph Beuys unser aller Bewusstsein verändert, als er bei einer früheren Documenta seine Aktion „Stadtverwaldung“ – mit „d“ – , besser bekannt als „7000 Eichen“, vor dem Kasseler Fridericianum startete? Oder schwamm er lediglich auf einer gesellschaftlichen Grundwelle, die die Themen von Umwelt und Ökologie bis in die Tagespolitik trug? Hat die Documenta-Zweigstelle in Kabul etwas bewirkt, oder spüren wir Zuschauer wohlfeile Ergriffenheit, weil Kabul zum Synonym für ein schier unlösbares Konfliktfeld geworden ist?

Gewiss hat sich Carolyn Christov-Bakargiev zu mehr als nur Politik geäußert; um genau zu sein: zu Politik eher am Rande. Viel wichtiger sind ihr beispielsweise die Rechte der Tiere. Das hat ihr manchen Spott eingetragen. Aber es sind die langfristigen Wandlungen einer Gesellschaft, die sich im Kleinen und bisweilen auch Lächerlichen ankündigen. Vielleicht trifft die Documenta einen Nerv. Vielleicht auch nicht. Man wird es erst erkennen, wenn sie lange vorbei ist. Wenn überhaupt. Kunst kann darauf nicht schielen, wenn sie Kunst sein will.

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