Kultur : Haltbar bis unendlich - Stefan Beuse sammelt ewige Augenblicke

Bodo Mrozek

Kometen galten jahrhundertelang als Vorboten von Seuchen, Hungersnöten und Kriegen. Lange Zeit wusste man fast nichts über die vermeintlichen Unglücksbringer. Heute weiß man mehr, doch als mysteriöse Metaphern taugen sie noch immer, denn "die ursprünglichen Bedingungen unserer Existenz sind in ihnen exakt konserviert." Dieser Satz steht ziemlich unvermittelt und bedeutungsschwer mitten in einem schmalen Roman, der die Himmelserscheinungen im Titel führt. "Kometen" ist, von einem sehr frühen Romanversuch abgesehen, das Roman-Debüt des 32 Jahre jungen Schriftstellers Stefan Beuse. Schon der Erzählband des in Hamburg lebenden ehemaligen Werbetexters "Wir schießen Gummibänder zu den Sternen" (Reclam Verlag, Leipzig 1997) hatte die Entdeckung des Himmels betrieben. Zwischen allerlei Miniaturen mit Titeln wie "Das Geheimnis von Ritter Sport Joghurt" oder "Cornflakes im Regen" blitzte dort der Komet Shoemaker Levy 9 eher beiläufig immer wieder mal auf.

Im neuen Roman stößt ein japanischer Astronom versehentlich gegen sein Teleskop, das nur den Bruchteil eines Millimeters abweicht, und schon fliegt auch ihm ein Komet vors Rohr. Dieser Komet erzeugt eine unheimliche Spannung, die anschwillt, je näher er der Erde kommt. "Kometen" kennt viele Protagonisten, die ihre Bahnen rund um den Erdball ziehen und einander zunächst nur flüchtig kreuzen. Sie heißen David oder Kyra, Martin, Wagner oder Hyakutake und leben in Europa, Amerika und Japan. Ein Mädchen schickt aus einer Laune heraus rätselhafte E-Mails rund um den Globus an Menschen, die sie nicht kennt. Die reagieren prompt, beeinflussen wiederum beiläufig das Leben anderer, und irgendwann hat man den Eindruck, dass rein gar nichts in dieser Welt dem Zufall überlassen ist.

Sein Schreiben, hat Beuse einmal als den Versuch beschrieben, "den rechten Moment" zu erwischen, der Wirklichkeit einen Augenblick abzuschauen. So macht es auch der Fotograf in "Kometen", als er seine Kamera mit kurzer Verschlusszeit gegen die Geschwindigkeit eines fahrenden Zuges hält und abdrückt. "Ein Moment, der keine Geschwindigkeit mehr hat, hält ewig", sinniert der Fotograf, der weiß, dass er bald erblinden wird. In solchen eingefrorenen Bildern hält die Erzählung einen Moment inne und belichtet ein Stück Handlung geradezu fotografisch zu einem Standbild. Die Charaktere bewegen sich dafür umso schneller durch den allmählich beschleunigenden Plot.

Anfangs stehen die Episoden scheinbar beziehungslos nebeneinander. Das kann zunächst verwirren, verdichtet sich aber immer mehr zu einem Fluß, der den Leser in sich hineinsaugt. In schnellen Schnitten montiert die Erzählung ihre Epispoden im Stil amerikanischer Short-Stories: Ein psychopathischer Mörder zieht seine myteriöse Spur durch den Roman. In Amerika entdecken College-Studenten eine Leiche ohne Hand. In Europa meinen Martin und David im Wald eine abgetrennte Hand ohne Leiche zu finden, die vielleicht aber auch gar nicht existiert. Die Erzählung legt viele solcher Spuren. Manche verfolgt sie weiter, andere nicht. Dadurch entsteht eine Atmosphäre, die an "Twin Peaks" oder einen David Lynch-Film erinnert: Jedes Detail könnte bedeutsam sein, auch wenn manches am Ende ungelöst bleibt. Ganz nebenbei betreibt der Roman eine Art literarische Globalisierung. "Wenn wir uns fragen, wo die Sterne sind, zeigen wir immer nach oben", sinniert zum Beispiel ein Junge. Ein anderes Mal rollt eine Murmel über den Boden: "Sie sah aus wie eine Weltkugel", heißt es da, und unvermittelt schrumpft die Perspektive zusammen, um sich gleichzeitig ins Endlose zu weiten.

Stefan Beuse bedient sich nicht gerade dessen, was man unter klassisch epischem Erzählen versteht. Doch auch wo der Roman zuerst fragmentarisch wirkt, ist er präzise durchkomponiert und verliert die Spannung in keinem Moment. Manche seiner Episoden, wie die tragikomische, anrührende Erzählung eines alten Mannes, der an Alzheimer leidet und verzweifelt gegen das Vergessen anschreibt, könnten zwar für sich stehen. Zusammengesetzt, bilden sie aber tatsächlich so etwas wie ein Sternbild ab, wie es der Klappentext nennt. Während der Komet die Erde verfehlen wird, rasen die Protagonisten weiter auf ihren großen Crash zu. Am Ende fließt schwarzer Regen in Strömen, zucken Blitze und schließlich gibt es Tote. Einer aber darf den großen Plan erkennen, der hinter allem steht und "von vollkommener Schönheit ist", natürlich nur für einen Moment: "Ein Moment, der sich im Augenblick des Erlebten selbst vernichtete. Brennendes Eis. Verlöschende Kometen." Da ist er wieder: der ewige Augenblick.Stefan Beuse: Kometen. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2000. 155 S., 29,90 DM.

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