Kultur : Haltestelle für Außerirdische

Joachim Reck zelebriert bei Koch und Kesslau seine Rituale der Trostlosigkeit

Knut Ebeling

In ländlichen Gegenden Polens existieren bis heute Wärter, die die Wartehäuschen an Bushaltestellen hüten. Wahrscheinlich würden sie sich darüber wundern, dass die von ihnen betreuten Zufluchtsstätten für Durchreisende plötzlich in einer Berliner Galerie auftauchten – in der neuen Ausstellung des polnischen Malers Joachim Reck in der Berliner Galerie Koch und Kesslau.

Das Wartehäuschen ist mit Abstand das trostloseste Objekt, dem sich der unweit einer Bushaltestelle geborene Maler nun zuwendet. In älteren Zyklen hatten bereits Heuhaufen und Hausfassaden seine Aufmerksamkeit gefunden, die sich wie ethnologische Kuriositäten am Rande der Fassungslosigkeit ausnahmen. Tatsächlich sind seine neuen Buswartehäuschen ohne Busse und ohne Wartende ebenso trocken und kaltschnäuzig abfotografiert und abgemalt wie die anderen Architekturen. Es sind Monumente einer spröden Sinnlichkeit, die sich in der doppelten Abbildung eines Objektes versichern, das bereits medial zerschossen und verpixelt ist, wenn Reck es wieder zusammenbastelt.

Der 40-jährige Berliner Maler fokussiert mit seinem Blick auf die wärterbehüteten Provisorien einen verqueren Modernismus. Dieser ist so international wie ein Vorgarten und so systematisch wie eine Hundehütte. Aus Holz, Beton oder Wellblech zusammengezimmert und mit skurrilen Ziehharmonikadächern versehen, stehen seine Verschläge der Heimeligkeit noch dazu in erfundenen Landschaften, die so einmalig wirken wie ein Kalenderblatt. Ein vorbeikommender Bus würde hier ebenso außerirdisch wirken wie ein Wartender.

Angesichts von Recks Refugien einer höheren Obdachlosigkeit wäre nichts falscher, als diese Bilder als Metaphern zu verstehen – etwa für eine Art Warten auf Godot oder für das Warten Polens auf den EU-Beitritt. Vor dieser Bedeutungstiefe warnt schon die Flachheit der Bilder, deren perspektivische Raumkonstruktionen einfach in die Fläche klappen. Recks Bilder sehen aus wie Bastelbögen für eine Wirklichkeit, die nur noch als Bauplan zu durchschauen ist.

Häuser, Heuhaufen, Wartehäuschen: Was bei Recks Trilogie der Trostlosigkeit nun auffällt, ist die Tatsache, dass die neuen Bilder ein Thema ausführen, das in den älteren Zyklen bereits angelegt war. Ihm geht es um das Kontinuum der Zeit, das beim Fixieren nur noch unheimlicher wirkt. Bereits Recks Heuhaufen und Hausfassaden waren Oberflächen, die ihr Innenleben allenfalls als Schatten ahnen ließen. Genau auf dieses schattenhafte Innenleben haben es auch Recks Bushaltestellen abgesehen. Sie bieten einen nur trügerischen Schutz und liefern den Blicken aus, was sie beherbergen. Darin steckt eine metaphysische Boshaftigkeit, die wie bei David Lynch im Gewöhnlichen lauert und mit der Verlässlichkeit eines Reisebusses daherkommt. Recks Fassaden sind Hüllen eines Unheimlichen, das sich zeigt, sobald man nicht mehr daran vorbeisaust – Kapseln der Zeit, in denen das Warten selbst zuhause ist.

Koch und Kesslau, Weinbergsweg 3, bis 26. Juli; Mittwoch bis Freitag 14–19 Uhr, Sonnabend 13–18 Uhr.

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