Kultur : Haltet den Castorf

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Von Rüdiger Schaper

Heute droht der Berliner Kultur ein Schwarzer Freitag. Im Abgeordnetenhaus tagt der Hauptausschuss und legt die Zahlen fest für den Doppelhaushalt 2002 / 2003. Noch hofft die Volksbühne auf einen Durchbruch – die Zukunft des Hauses steht auf dem Spiel. Der Vertrag des Intendanten Frank Castorf läuft am 31. Juli aus. Kommt keine Einigung zustande, dann verlöre das erfolgreichste deutschsprachige Theater der vergangenen zehn Jahre über Nacht Kopf und Leitung. Frank Castorfs Inszenierung „Der Meister und Margarita“ nach Bulgakow (Premiere am 14. Juni bei den Wiener Festwochen) wäre unter diesen Umständen seine letzte Volksbühnen-Regie.

Man mag sich nicht ausdenken, was geschieht, wenn Castorf tatsächlich aufgeben müsste. Der Berliner Senat steuert sehenden Auges in die Katastrophe. Seit drei Jahren bereits liegt Castorfs Vertragsverlängerung im Ungewissen. Es war seinerzeit Kultursenator Christoph Stölzl, heute Vorsitzender der hauptstädtischen CDU, der mit Frank Castorf erste Gespräche führte. Bis heute hat sich nichts entscheidend bewegt.

Die Volksbühne arbeitet unter selbstausbeuterischen Bedingungen, der Wettbewerb der großen Berliner Schauspielhäuser ist verzerrt. Am Rosa-Luxemburg-Platz inszenieren Regisseure für den Freundschaftspreis von 25 000 Euro Gage, an anderen Theatern in Berlin verdienen sie bald das Doppelte. Das gilt ebenso für Schauspieler. Dabei steht die finanzielle, technische und bauliche Ausstattung der Volksbühne im eklatanten Gegensatz zu ihrem dauerhaften Erfolg. Die Unterfinanzierung wird allgemein erkannt – doch Abhilfe ist nicht in Sicht.

Es geht um 800 000 Euro. Diese Summe verlangt der Volksbühnen-Intendant zusätzlich für seinen Etat, um sein prächtiges Ensemble zusammen halten und die Arbeitsfähigkeit des Hauses gewährleisten zu können. Nun wirkt sich offenbar zum Nachteil aus, dass Castorf in der Vergangenheit seriös gewirtschaftet und massiv eingespart hat; er sah sich gezwungen, das Tanztheater-Ensemble des Johann Kresnik abzuwickeln. An der kulturpolitischen Front gehört dieser anarchistische, provokante Regisseur seltsamerweise zu den stillen Duldern, nicht zu den Alarmisten und ewigen Jammerern. Aber auch das zahlt sich am Ende nicht aus. Kultursenator Thomas Flierl hat bislang nur einen einzigen, womöglich untauglichen Rettungsversuch unternommen: Die Berliner Bühnen sollen ihre Freikarten-Kontingente künftig an der Kasse verkaufen, damit könnten die Zuschüsse gesenkt werden. Ein Notopfer für die Volksbühne?

Der schwache PDS-Mann Flierl zeigt keinen erkennbaren politischen Willen, Frank Castorf und der Volksbühne beizuspringen. Und wo ist Wowereit? Bei einem Staatstheater dieser Größenordnung, dieser internationalen Bedeutung muss die Vertragsverlängerung des Intendanten Chefsache sein. Allein, der Regierende Bürgermeister schweigt. Er spricht kein klärendes Wort. Er lässt Flierl wursteln. Berlin droht ein neues Schiller-Theater-Debakel – mit dem gewaltigen Unterschied, dass die Volksbühne ein florierendes, unverwechselbares Haus mit OstWest-Modellcharakter ist und die derzeitige Krise schon lange schwelt.

Die Berliner Kulturpolitik steht vor einem neuen Sündenfall. Der Senat aus SPD und PDS riskiert Verheerendes. Welcher Künstler von Rang lässt sich noch in die Stadt locken, wenn die Volksbühne fällt? In Wien, in Zürich, überall ist Castorf ein gefragter Regisseur. Will man ihn hier vergraulen und eine Aufbauleistung zunichte machen, die ihresgleichen sucht?

An der Notwendigkeit zum harten Sparen besteht kein Zweifel. Nur: Wenn man fahrlässig preisgibt, was Erfolg, Ausstrahlung, intellektuelle und künstlerische Kraft besitzt, dann wird Unwiederbringliches auf skandalöse Weise zerstört. Wowereit, Gysi und Co. sind einmal angetreten, einen Mentalitätswechsel in dieser Stadt herbeizuführen. Statt dessen machen sich im Senat Ignoranz und Dilettantismus breit, zumal in der Kulturverwaltung. Die Situation ist absurd: Eine Revolution hat nicht stattgefunden, doch sie frisst ihre Kinder. Dass Wowereit und Flierl ihren politischen und persönlichen Freund Castorf hängen lassen, kann man wohl nur mit einer allgemeinen Überforderung der rot-roten Machtetage erklären. Es fehlt ihnen die Fantasie sich vorzustellen, dass der langmütige Theatermann Frank Castorf das Handtuch wirft – und welche Konsequenzen dann zu gewärtigen sind.

Auch die anderen großen Berliner Theater schauen in das schwarze Loch, in dem die Volksbühne zu versinken droht. Das Deutsche Theater schleppt Altschulden von über vier Millionen Euro aus der Ära Thomas Langhoff mit. Dem Nachfolger Bernd Wilms soll die Summe offiziell nicht angelastet werden, doch das DT drücken bereits die Zinszahlungen. Die Schaubühne hat einen Zuwendungsvertrag nur noch bis 2004. Claus Peymanns Direktion am Berliner Ensemble hängt an einem – vertraglich zugesicherten – Lotto-Zuschuss. Eine ähnliche Regelung für die Volksbühne lehnt der Regierende Bürgermeister aus unerfindlichen Gründen ab.

In drei Jahren berühmt oder tot – unter diesem Motto trat Castorfs Truppe 1992 an. Sie haben das Volksbühnen-Plansoll mehrfach übererfüllt. Geht Castorf, wäre Flierl nicht zu halten. Das wäre dann ein Fall Wowereit.

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