Kultur : Hamburg hat dank Schlingensief mal wieder einen Theater-Skandal

F. H.

Wenn Christoph Schlingensief etwas kann, dann dies: auf der Klaviatur der Medien spielen. Am Tag der Deutschen Einheit hatte ihm das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg seine Pforte für die Performance "Deutschlandsuche 99" geöffnet. Natürlich brach der postmoderne Spätdadaist mal wieder einen Skandal vom Zaun. Wenn wir auch über die Verschlingensiefung der bundesdeutschen Theaterlandschaft stöhnen - der Abend bot mehr Sprengstoff, als der Knallfrosch Christoph S. nach früheren Erfahrungen vermuten ließ.

Auch vorab erschien die Versuchsanordnung des Abends brisant. Allerdings hatte ein Teil des Publikums die angekündigten Protagonisten für Doppelgänger (also nur Schlingensief-Schauspieler) gehalten. Der Possenreißer hatte sich mal wieder zum Tritt in den tiefsten Fettnapf bereitgemacht, der derzeit in Deutschland zu finden ist. Er ließ Meir Mendelssohn auftreten, den israelischen Künstler, der das Grab von Ignatz Bubis in Tel Aviv mit schwarzer Farbe bespritzt hatte. Mendelssohn erklärte, er habe es tun müssen, "weil sich die Juden von Bubis befreien müssen, wie die Deutschen von Hitler. Bubis hatte eine Vergangenheit, für die sich viele Juden geschämt hätten". Mendelssohn fügte hinzu, er werde bald eine Biografie über Bubis "und dessen kriminelle Energie" schreiben.

Doch Schlingensief kommentierte Mendelssohns Tiraden ebensowenig wie die rechtsradikalen Parolen, die anschließend Horst Mahler loslassen durfte. Mahler, einst APO-Anwalt und Mitbegründer der Rote Armee Fraktion (RAF), der sich inzwischen zu einem Vertreter rechten Denkens gewandelt hat, erregte mit Formulierungen wie "Deutschland ist besetzt von den Amerikanern und ihren türkischen Hilfstruppen" den Unmut der Zuschauer. Dazu dröhnte ununterbrochen Wagner-Musik aus den Lautsprechern.

Als dann auch noch eine Leinwand den Blick auf die Szene verstellte und Kameras herumfuhren - weil Schlingensief eine Fernsehsituation schaffen wollte -, stürmte ein Teil des Publikum die Bühne. Der Abend drohte im Chaos zu versinken, Schauspielhaus-Mitarbeiter baten darum, die Bühne wieder zu verlassen. Das erhöhte bei vielen nur noch den Ärger über jeglichen Verzicht auf Dramaturgie, auf Auseinandersetzung. "Schlingensief hat die Provokateure vorgeführt wie Tanzbären", kommentierte eine Augenzeugin, "und weil er ihre prekären Aussagen nicht aufgegriffen hat, lief letztlich alles ins Leere." Irgendwann wurde dann das Saallicht angemacht. Aber da war Christoph Schlingensief schon lange von der Bühne verschwunden.

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