Hamburg : Havarie in der Hafencity

Ein „Tal der Tränen“, sagt die Kultursenatorin: Die Hamburger Elbphilharmonie wird dreimal so teuer wie geplant. Doch der Generalintendant plant fröhlich weiter.

Verena Fischer-Zernin
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Ein schöner Traum. So soll die Hamburger Elbphilharmonie aussehen. Foto: dpa

Eingängige maritime Metaphern haben sich die Marketingleute für die Hamburger Elbphilharmonie ausgedacht: Als gläserne Welle soll sie sich über dem ehemaligen Kaispeicher in den Himmel schwingen, und zwar vom Bug des in die Elbe ragenden neuen Stadtviertels Hafencity. In letzter Zeit allerdings drängt sich eher der Vergleich mit einem Seelenverkäufer auf. Der neue Musiktempel, einst als Jahrhundertbauwerk, ja als künftiges Wahrzeichen empfohlen, hat gehörig Schieflage.

Von dem kühnen Entwurf der Basler Architekten Herzog & de Meuron, die mit spektakulären Bauten wie dem Pekinger Olympiastadion alias Vogelnest weltberühmt geworden sind, ist eineinhalb Jahre nach der Grundsteinlegung gerade mal ein schmaler Betonstreifen oberhalb des Backsteinsockels zu sehen. Schon im Juni verschob die Stadt den Eröffnungstermin um ein Jahr auf Herbst 2011 und räumte ein, dass sich auch der bis dahin genannte Festpreis für den Bau von 214,3 Millionen Euro nicht würde halten lassen. Nach verbissenen Verhandlungen mit den Architekten und dem Bau giganten Hochtief hat jetzt die Senatorin für Kultur, Sport und Medien Karin von Welck die Öffentlichkeit informiert: Das Haus soll erst im Mai 2012 in Betrieb gehen. Und das trotz gigantischer Kosten: Statt der bisher auf die öffentliche Hand entfallenden Baukosten von 114,3 Millionen Euro ist die Stadt nun mit 323 Millionen Euro dabei; der Betrieb des Gebäudes wird sich um 1,7 Millionen pro Jahr verteuern. Insgesamt wird das Gebäude mindestens 500 Millionen Euro kosten.

Von Welck bezeichnete die Verhandlungsergebnisse als „größtmögliche Kosten- und Terminsicherheit“. Der Preis dafür sei freilich sehr hoch. „Die Stadt, die ReGe (die städtische Realisierungsgesellschaft), der Generalunternehmer, die Architekten – wir alle haben die Komplexität des Projekts unterschätzt“, sagte die Politikerin am Samstag dem „Hamburger Abendblatt“. „Es ist klar, dass wir jetzt in einem Tal der Tränen sind, aber wir wissen, dass wir da wieder herauskommen werden.“ Bürgermeister Ole von Beust (CDU) erklärte, man dürfe die Kostensteigerung nicht gegen die Bedeutung des Projekts aufrechnen. Der Fraktionschef des Koalitionspartners GAL Jens Kerstan sprach dagegen von einer „dramatischen Situation“. Die oppositionelle SPD-Fraktion bemängelte „katastrophales Projekt- und Krisenmanagement“ und „scheibchenweise übermittelte Kostenentwicklung“; das Wort „Untersuchungsausschuss“ machte die Runde. Die Linksfraktion wetterte: „Der Preis hat sich für den Steuerzahler beinahe verdreifacht.“

In der Tat sind die jüngsten Zahlen von den Ausgangsannahmen so weit entfernt wie eine Galaxie von der nächsten. Keinen Cent sollte das Projekt den Haushalt kosten, als es 2003 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, lediglich das Grundstück wollte die Hansestadt beisteuern. Den Bau des Konzerthauses sollten privatwirtschaftlich vermarktete Gebäudebereiche finanzieren wie Luxuswohnungen und ein Fünfsternehotel. Aber die Begehrlichkeiten wuchsen. Erst musste der Kaispeicher entkernt werden; später sollte er auch noch den Backstage-Bereich, die Musikpädagogik und einen dritten Konzertsaal aufnehmen. 2005 plante der Senat mit 77 Millionen Euro Staatsgeldern, 2007 beschloss die Bürgerschaft den Bau mit einem öffentlich zu finanzierenden Anteil von 114,3 Millionen Euro.

Nach Baubeginn ging es los mit den Änderungen – willkommene Gelegenheiten für den festpreisgeknebelten Generalunternehmer Hochtief, mit Nachforderungen das Honorar aufzubessern. Die geänderte Fischgewässerrichtlinie durchkreuzte den Plan, das Gebäude energiesparend mit Elbwasser zu kühlen, die Gipshaut für den Konzertsaal erwies sich als reißempfindlich, die Lüftungsanlagen mussten umgeplant werden. Zu alledem arbeiteten die Architekten und Hochtief mit nicht abgestimmten Ablaufplänen. Erst jetzt haben die Beteiligten eine einheitliche Terminplanung hinbekommen; das Bausoll steht zu 95 Prozent.

Ein Ausstieg kommt für die Fraktion trotzdem nicht in Frage. „Dann müssten wir dreistellige Millionenbeträge an Hochtief bezahlen, als Schadensersatz“, sagt Jens Kerstan. SPD -Fraktionschef Michael Naumann ist dagegen skeptisch, ob seine Fraktion den Nachtragskosten zustimmen wird. „Ich bin sicher, dass der jetzige Betrag nicht das Ende der Fahnenstange ist“, sagt er. „Wir fürchten inzwischen um die Unterstützung der Bevölkerung.“ Die Tiraden in Internetforen sprechen für sich: Da ist von einem Bermudadreieck die Rede, an anderer Stelle heißt es: „Die Zeche zahlen die Hamburger mit ihren Steuern.“ Der Bund der Steuerzahler hat schon Konsequenzen gefordert. „Hier ist ein Maß an Dilettantismus zutage getreten und an grober Fahrlässigkeit, die man nicht einfach so hinnehmen kann“, sagte der Vorsitzende Frank Neubauer.

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