Hamburg : Investor im Schafspelz

In Hamburg wehrt sich die Kulturszene gegen den Missbrauch der Kunst als Standortfaktor.

Ulla Fölsing
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Idylle auf Abruf. Die Hausbesetzer im Gängeviertel protestieren gegen den Ausverkauf historischer Bausubstanz. Foto: dpadpa

Auch Hamburg hat Gentrifizierungsprobleme: Nach dem Streit um die Hafenstraße in St. Pauli und die Flora im Schanzenviertel gibt es seit Wochen fast täglich Aufregung um das Gängeviertel zwischen Gänsemarkt, Musikhalle und Springer-Konzern. Zwölf dreistöckige Backsteinhäuser, 200 Jahre alt und nur mehr ein bescheidener Rest in dem vom Krieg gebeutelten Stadtbild, sollen dort abgerissen und durch einen 50 Millionen Euro teuren Wohn- und Bürokomplex ersetzt werden. Projektentwickler ist der niederländische Immobilien- und Schiffsfondsmanager Hanzevast. An ihn hatte die Hamburger Finanzbehörde 2006 nach einem Fiasko mit zwei Vorgängern das 7000 Quadratmeter große historische Areal Ecke Caffamacherreihe und Valentinskamp zu geschätzten 7 bis 10 Millionen Euro verkauft.

Der Investor will zwei Häuser denkmalschutzgerecht sanieren und einige Fassaden restaurieren, ansonsten achtzig Prozent der alten Bausubstanz abreißen, um angeblich im Stil der Hackeschen Höfe neue Gebäude hochzuziehen. Seit Ende August protestieren nun 250 junge Hamburger Künstler mit der Initiative „Komm in die Gänge“ gegen das Vorhaben, an ihrer Spitze der Maler Daniel Richter. Sie haben das halb verfallene historische Gemäuer besetzt und fordern, dass das Gängeviertel kernsaniert, soziokulturell genutzt und vor allem in Form bezahlbarer Atelierräume Kunstschaffenden zur Verfügung gestellt wird.

Den Anfang machte ein Hoffest in den windschiefen Gebäuden, die seit Jahren verriegelt waren und nur gelegentlich als Ort für Ausstellungen gedient hatten. Die Besetzer bestückten die morschen Mauern mit Wandgemälden, Graffitis, Fotos und Installationen und luden zur Besichtigung ein. Bis heute kamen nach Angaben der Veranstalter 15 000 Besucher; die Reihe der prominenten Sympathisanten reicht vom Hamburger Designprofessor Friedrich von Borries bis zu Altbürgermeister Klaus von Dohnanyi, der einst den Hafenstraßenkonflikt beigelegt hat.

Der kreative Widerstand wächst jeden Tag – und weist inzwischen über die Stadtgrenzen hinaus. Es gibt knapp 20 000 Unterschriften für den Erhalt des Viertels; die Initiative hat eine eigene Pressesprecherin, eine Website und viele Verbündete, die sich hier und anderswo gegen „Turbo-Gentrifizierung“, städtischen Flächenverkauf und lukrative Sanierung von Wohnimmobilien wenden. In der jüngsten Ausgabe der „Zeit“ ist auf der Aufschlagseite des Feuilletons außerdem ein Künstler-Manifest abgedruckt, das aus Anlass des Gängeviertel-Ausverkaufs gegen unsoziale, allzu investorenfreundliche Kommunalpolitik protestiert. „Wir nehmen uns das Recht auf Stadt“, heißt es am Ende des Manifests „Not in our name, Marke Hamburg“, das gegen eine Ausgabe des „Hamburg-Magazins“ der städtischen Marketing-GmbH argumentiert. Darin wurde mit der kreativen Szene vor Ort geworben. Die Stadt, so die Künstler, missbrauche die Kunstszene als Standortfaktor und Alibi, verringere aber gleichzeitig den Raum für deren Arbeit.

Ein neues Phänomen, ein neuer Ton. Die freie Kulturszene spricht mit einer Stimme, der Pop verbündet sich mit Design, Literatur und Kunst, der Unmut über die eigene Raumnot wird politisch. Zu den Hunderten von Unterzeichnern zählen neben Daniel Richter der Schauspieler Peter Lohmeyer, die Starköchin Sarah Wiener die Musiker Rocko Schamoni, Jan Distelmeyer und Jan Delay, die Bands Tocotronic, Samy Deluxe, die Goldenen Zitronen und Fettes Brot.

Den Hausbesetzern wird zugute gehalten, dass sie bisher auf Gewalt verzichtet haben. Tatsächlich zogen sie Ende Oktober freiwillig aus zwei besetzten Häusern in andere Räume innerhalb des Gängeviertels um, als die Stadt die Gebäude vereinbarungsgemäß nach Zahlung einer weiteren Rate leer an Hanzevast übergeben musste. Wie lange die Besetzer das vom Abriss bedrohte restliche Gänge-Areal noch nutzen dürfen, ist Sache des Investors. Die niederländische Holding hat fünf Monate Zeit, um den Rest des Kaufpreises zu überweisen. Die Künstlerinitiative hofft, dass sie die Stadt inzwischen genügend sensibilisiert hat, damit diese den Vertrag mit Hanzevast kündigt.

Der Investor gilt als „Wolf im Schafspelz“. Gerade erst hat er trotz verbaler Sympathiebeteuerungen versucht, die Künstler über eine Klage beim Landgericht aus dem Viertel zu drängen. Sein Eilantrag gegen die Stadt wurde abgewiesen und liegt jetzt beim Oberlandesgericht. Das Zähnezeigen lohnt sich, selbst wenn Hanzevast nicht bauen will: Es treibt den Preis für einen eventuellen Rückkauf in die Höhe; hinter den Kulissen wird angeblich längst darüber verhandelt. Die Stadt ist in einer Zwickmühle: Sie kann den gültigen Vertrag mit dem Investor nicht aufkündigen, ohne dessen Planungskosten und eine happige Konventionalstrafe zahlen zu müssen. Bleibt allenfalls eine Regelung im Konsens.

Aber auch die wird teuer. Andererseits lässt sich die hitzige öffentliche Diskussion kaum mehr beschwichtigen. Um ihren guten Willen in Sachen Denkmalschutz zu demonstrieren, hat die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt jetzt die Federführung übernommen. In einer gemeinsamen Presseerklärung mit Kultursenatorin Karin von Welck erklärte nun die grüne Bausenatorin Anja Hajduk, dass der Hamburger Senat einvernehmlich beschlossen habe, das städtebauliche Konzept für das Gängeviertel überarbeiten zu wollen. „Hierbei werden wir sowohl die Initiative der Künstler als auch die geltenden Verträge berücksichtigen,“ versicherte die Politikerin. „Neben dem Anliegen der Künstler werden wir dabei auch den Denkmalschutz aufnehmen.“

Wie lange das dauert, lässt sich nicht absehen. Wenn alles scheitert, bleibt kaum Hoffnung, die Raumprobleme der Künstler zu lösen. Vor einem Hauseingang im Gängeviertel klebt die bange Frage: „Müssen wir alle nach Berlin?“

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