Kultur : Hamburg Mi Amor

Raus aus Kuba: der Dokumtentarfilm „Heirate mich“

Silvia Hallensleben

Vor drei Jahren zeigten die Berliner Dokumentaristen Jeanette Eggert und Uli Gaulke einen der erfolgreichsten deutschen Dokumentarfilme der letzten Zeit: „Havanna Mi Amor“ war eine enthusiastische Liebeserklärung an die kubanische Hauptstadt und die Fernsehleidenschaft ihrer Bewohner. Jeanette Eggert war zu einem längeren Studienaufenthalt dort – eine höchst persönliche Affäre also, auch wenn der Publikumserfolg sicherlich auf das mediale Nachbeben von Wim Wenders „Buena Vista Social Club“ zurückzuführen ist. Auch der zweite Film des Duos, der im Februar auf dem Berlinale- Forum uraufgeführt wurde, beginnt mitten in den Wohnhof-Labyrinthen Havannas. Und wären wir im Fernsehen , könnte man „Heirate mich“ getrost als melodramatisches Spinn-Off der ersten, eher locker gestrickten Folge bezeichnen.

Als ein solches „Spinn-Off“ wird im Medien-Jargon die folgenträchtige Abzweigung eines Serien- Stammbaums bezeichnet, die eine bisherige Nebenfigur in einer eigenen Staffel zur selbständigen Hauptheldin befördert. Diese Rolle hat hier die junge Kubanerin Gladis, deren selbstbewusster Umgang mit den Männern „Havanna mi Amor“ tüchtig Pfeffer gab. Jetzt ist Gladis mit Erik liiert, einem Hamburger Lehrer mit kubaphilen Ambitionen. Schnell ist aus einer Urlaubsbekanntschaft erst eine Verlobung und dann eine Ehe geworden: Gladis verabschiedet sich von ihren kubanischen Freunden und Verwandten und reist mit ihrem kleinen Sohn Omarito ins kalte Hamburg. Dort wartet neben den Schwiegereltern ein kleines Filmteam am Flughafen, treuer Begleiter der beiden für das nächste halbe Jahr.

War es wirklich „Liebe auf den ersten Blick“ oder eher eine Kombination sich ergänzender Interessen: die Attraktion des Exotischen auf der einen, der gut gefüllte Kühlschrank auf der anderen Seite? Zumindest die Kubanerinnen sprechen solche Überlegungen aus, während auf deutscher Seite eher Gefühlstünche ausgebreitet wird. Doch ist Verliebtsein nicht immer das Ausleben von Projektionen? Und ist „Heirate Mich“ nicht auch deswegen oft so schwer erträglich, weil uns ein Teil des Personals so peinlich vertraut ist?

Der so unsichere wie selbstgerechte Hamburger Stoffel jedenfalls, der nicht einmal beim Heiratsantrag die Zigarette ablegt, gibt treffsicher genau den hässlichen Deutschen, von dem wir uns im wirklichen Leben immer möglichst weit wegsetzen wollen. Erik tut weh – und diesmal bleiben wir da und sehen zu. Eine schmerzhafte Selbsterkenntnis. Doch um die Dinge wirklich zu begreifen, braucht es auch Abstand und Überblick. Einen Abstand, den uns Regie und Kamera nicht gewähren. Wir sind immer ganz nah dran, mitten im Wohnzimmer, in der Gegenwart. So bleibt vieles im Dunkeln. All zu große Nähe kann den Blick ebenso verstellen wie zu große Distanz.

Balasz, fsk am Oranienplatz (OmU)

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