Kultur : Hamburg vorn

MANUEL BRUG

Frank Baumbauers Deutsches Schauspielhaus:eine Erfolgsgeschichte von der AlsterVON MANUEL BRUGGut sieht es aus, das Haus.So weiß.So neu.So frisch.Und diesmal täuscht die strahlend renovierte Fassade nicht.Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, lange Zeit als Problemtheater der Republik mit 1300 selten gefüllten Plätzen verschrien, steht bestens da.Und das nicht nur äußerlich.Schon zweimal innerhalb von drei Jahren wurde man in der Umfrage von "Theater heute" zum "Schauspielhaus des Jahres" gewählt, und gerade gastiert man mit drei Inszenierungen beim Berliner Theatertreffen; auch der Anwartschaft auf den nächsten Spitzenplatz der ewigen Jahreshitliste steht kaum noch etwas im Wege.Grund zur Freude an der Kirchenallee. Es freuen sich mehrere.Denn das Deutsche Schauspielhaus wird seit eben diesen fast vier erfolgreichen Jahren nicht mehr von einem Solisten geführt, hieße er nun Ivan Nagel, Niels-Peter Rudolph, Peter Zadek oder Michael Bogdanov.Jetzt haben an dieser ersten Bühne des Landes gleich mehrere das Sagen, auch wenn letztlich nur einer entscheidet.Doch Frank Baumbauer, der nach fürchterlichen Versuchen in grauer Münchner Disponentenvorzeit nicht mehr selbst inszeniert, setzt entschieden - "sagen Sie mir ein sympathischeres Wort dafür" - auf Teamarbeit. Baumbauer mißt sein Teamwork auch daran, daß er den Verlockungen des Wiener Burgtheaters - "sogar als nachbarschaftlicher Süddeutscher" - widerstanden hat und seinen Vertrag bis zunächst einmal ins Jahr 2000 einhalten wird.Schön zu sehen, wie er am Tag, als dies öffentlich geworden ist, gelassen in seinem Stuhl ruht und diese für das Haus nicht ganz unwichtige Tatsache seinen beiden Dramaturgen Wilfried Schulz und Stefanie Carp erklärt."Ich habe ein gutes Gefühl und hatte es bisher bei jeder meiner Entscheidungen." Das Hamburger Abenteuer geht also weiter. Ein Abenteuer ist es für Frank Baumbauer von Anfang an gewesen.Das begann in Basel.Denn dort, als Intendant eines Dreispartenhauses, mit Schulz und Carp als Dramaturgen, hat es für ihn "einen Schnitt" gegeben."Die Fäden meiner Jugend als Betriebsdirektor und Intendant in München mit Leuten wie Hans Lietzau, mit Ingmar Bergman, Karlheinz Stroux und Kurt Meisel sind dort gerissen, etwas Neues hat angefangen, das wir versucht haben, von dort aus nach Hamburg zu transferieren." Mit anderen Ausgangspunkten freilich.In Basel konnte man kaum deutsche Gegenwartsdramatik spielen.Bebra, wie es in Klaus Pohls "Die schöne Fremde" vorkommt, ist in der Schweiz so fern wie Kalkutta.Also mußte man sich mit eidgenössischen Befindlichkeiten auseinandersetzen.Das Ergebnis waren Frank Castorfs "Tell" und die ersten Theatererkundungen von Christoph Marthaler. "Diese Projektarbeit, wie wir sie dort versucht haben, ist in Hamburg glückhaft aufgegangen", so Wilfried Schulz.Doch die Schauspieler mußten dafür gewonnen werden."Sie mußten erfahren, daß sie keine festumrissenen Figuren darstellen, keine Rollen spielen, sondern Charaktere ohne Namen." Daß sie dies inzwischen gerne tun, davon zeugen Fotos auf der Rückseite der Intendantentür: lauter Ensembles, gleichgekleidet, Anna-Viebrocksch-angezogen, abgelichtet auf dem Roten Platz oder vor der Wiener Hofburg.Vom neuen Ruhm des Hamburger Schauspielhauses kündend. Diese "Projektarbeit", wie Schulz sie definiert, und zu der auch die Arbeiten von Johann Kresnik zählen, führt mit dazu, daß in Hamburg 60 Prozent aller Vorstellungen mit Stücken lebender Dramatiker bestritten werden.20 Prozent verteilen sich auf Autoren des 20.Jahrhunderts und jeweils zehn auf Klassiker und musikalische Unternehmungen."Doch leider sehen nicht 60 Prozent unserer Zuschauer Gegenwartsdramatiker", räumt Schulz ein.Denn die werden meist im Malersaal, der kleinen Zweitbühne, gespielt.Dem Theater fehlt ein Raum, der die Differenz zwischen 200 und den 1300 Plätzen im großen Haus überbrückt.Die lebenden Autoren, die den großen Saal füllen könnten, die gibt es eben kaum. Dabei hat man in Hamburg immerhin Elfriede Jelinek und Rainald Goetz.Die österreichische Dichterin, hocherfreut von Jossi Wielers sprachspielerischem Umgang mit der strengen Etüde "Wolken.Heim", ließ Frank Castorf - durchaus zu deren Besten - ihre "Raststätte" zerpflücken.Und selbst die Jelinek-Sex-Puppe am Schluß hat sie begeistert."Wir hätten sie wieder rausgenommen, wenn sie das gewollt hätte", erzählt Stefanie Carp."Doch sie fand die schöner als sich selbst." Heute steht die Puppe in einer Sammlung, die Jelinek hat sich und dem Schauspielhaus mit "Stecken, Stab und Stangl" in der Regie von Thirza Bruncken nun einen Uraufführungserfolg bereitet und gibt auch ihr nächstes Stück an die Alster.Ebenso wird der durchaus heikel-obsessive Rainald Goetz, dessen "Festung"-Trilogie hier gespielt wurde, wenn sein neues Stück nicht - wie geplant - im Herbst fertig ist, seine inzwischen gesperrte "Krieg"-Trilogie für Hamburg freigeben."Die Schauspieler fragen schon, wann es wieder einen Goetz gibt", wundert sich ein erfreuter Wilfried Schulz. Auch mit Tankred Dorst und Franz Xaver Kroetz sind die Hamburger in stetem Dialog."Wobei", sagt Stefanie Carp, "wir inzwischen nicht mehr so dogmatisch sind wie am Anfang.Wir lassen nicht nur formbewußte Literatur zu, wir suchen auch Texte, die eben Gebrauchstheater sind, wenn uns das Thema interessiert." So begann diese Spielzeit mit Terence McNallys fröhlicher Schwulen-Landpartie "Liebe! Stärke! Mitgefühl!" und Sarah Kanes skandalösem Kannibalenschocker "Zerbombt".Nur mit dem Leichten, da tut man sich auch in Hamburg schwer."Außerdem fragen uns die Leute, warum wir jetzt plötzlich auch sowas spielen", meint Schulz.Die Meßlatte hängt hoch.Und als Spaßbude gilt viel eher das Thalia- Theater - was Frank Baumbauer so natürlich nie sagt. Das Hamburger Schauspielhaus als Ort, wo man überrascht wird, wo feste Erwartungen nur selten eingelöst werden, wo ein neugieriges Großstadtpublikum zwischen 20 und 40 sich seine Stücke und Stoffe selber sucht.Unberechenbarkeit als einzig geltende Kontinuität.Das ist die eine Seite.Die andere offenbart ein Riesenhaus ohne Abonnement, das in einer Stadt mit vielen Freizeitangeboten schwer vollzubekommen ist."In der Tiefebene gibt es keine Berge und deshalb auch kein Echo", so hat Christoph Marthaler diesen Zustand hamburgischer Gelassen- wie Gleichgültigkeit einmal umschrieben."Doch jetzt nach zwei, drei Jahren geht die Sache auf", glaubt Baumbauer."Die Leute wissen nun, für welches Spektrum wir stehen, sie haben sich die Darsteller-Lieblinge erkoren in einem Ensemble, das zu einem Drittel alt, zu einem aus Basel und zu einem neu ist - und das zusammengefunden hat." Eine Hamburger, gar Hamburgische Dramaturgie? Ja schon, aber undogmatisch.Theater mit Schauspielern und für sie, das soll es sein, aber auch Dramaturgentheater, Regietheater, Thementheater, Intendantentheater.In der Kirchenallee findet sich von allem etwas, ohne daß ein "Gemischtwarenladen" daraus wird.Wie man solches erreicht? Keiner der so unterschiedlich ausgerichteten Veranwortlichen (dazu gehören als Dramaturgen auch noch Tilman Raabke und Lars-Ole Walburg vom Berliner Theater Affekt), die ihre Differenzen "aushalten und ertragen", weiß das so genau."Frank Baumbauer hat die Gabe, zu motivieren und richtige Entscheidungen zu treffen", so windet sich Schulz aus seinem Erklärungsnotstand. Mit Marthaler, Castorf, Kresnik, Wieler arbeiten am Schauspielhaus kontinuierlich vier wichtige Regisseure, die sich auch durchaus als Hamburger begreifen, zumal sie in viele Entscheidungen bis hin zu Vorsprechen miteinbezogen werden und so lange wie intensiv probieren können.Dazu kommen von der vielbeschworenen jüngeren Generation Thirza Bruncken, Anselm Weber, Stefan Bachmann, Karin Beyer und Matthias Hartmann.Wobei besonders diesen Jüngeren bisher die Beschäftigung mit den Klassikern vorbehalten war."Wir wollen mit jungen Leuten umgehen, weil sie sich ästhetisch noch nicht so einordnen lassen, uns interessiert Bewegung, nicht die eingekaufte Formung", sagt Stefanie Carp."Eng machen kann man sich ganz schnell." Doch der große Klassiker-Wurf, der womöglich gar in die Aufführungsgeschichte eingehen wird, war (trotz Marthaler/Goethes "Wurzelfaust") noch nicht dabei."Wie sollte er auch, diese Regisseure müssen noch suchen.Dabei wollen wir helfen.Und haben bisher eben nur Versuche zu vermelden, mehr oder weniger gelungene", wie Wilfried Schulz selbstkritisch einräumt."Doch die sind uns näher, als wenn wir das Haus Peter Zadek zur Verfügung stellen würden.Der käme nämlich mit seinem ganzen Troß, und wir wären nur für den Service zuständig.Wir haben hier aber das Bewußtsein, uns die künstlerischen Ziele selbst auszusuchen und dann auch daran beteiligt zu sein."

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