Hamburger Ausstellung : Lennon statt Lenin

Unerfüllte Sehnsucht: Eine Hamburger Ausstellung dokumentiert die Beatlemania in der Sowjetunion. Mitte der Siebziger lässt sich die Beatles-Fan-Welle kaum mehr unterdrücken.

Bodo Mrozek

Lange Zeit galt die Frage nach einem Auftritt der Beatles hinter dem Eisernen Vorhang als ungelöstes Rätsel der Popmythologie. Schon damals raunte man hinter vorgehaltener Hand von einer spontanen Session beim Zwischenstopp auf einem russischen Militärflughafen. Andere wussten von einem streng bewachten Geheimkonzert im Kreml vor hochrangigen Funktionären. Und wieder andere wollten John Lennon in der Moskauer U-Bahn erspäht haben. Für die ernst zu nehmende Beatles-Forschung steht heute jedoch unzweifelhaft fest: Die Beatles spielten niemals in der Sowjetunion.

Der Leidenschaft sowjetischer Fans tat dies keinen Abbruch. Im Gegenteil, die unerfüllte Sehnsucht führte zu einer Politisierung der Popmusik, wie die Hamburger Ausstellung „Back From The USSR“ nun detailfreudig belegt. Die in Kooperation mit Institutionen in Kiew und Cherkasy erstellte Sonderausstellung des 2009 gegründeten privaten Beatles-Museums an der Reeperbahn hat Artefakte geborgen, die ein kaum bekanntes Kapitel sowjetischer Popgeschichte dokumentieren.

„Wildes Geschrei ertönt auf den britischen Inseln und übertönt den Menschenverstand und die zauberhaften Melodien von genialen Komponisten der Vergangenheit“, befand 1964 eine ukrainische Zeitung. Während die Zeitungen gegen westliche Dekadenz und jugendliche Sittenlosigkeit anschreiben, löst die Staatsmacht ihr „Beat-Problem“ mit brachialen Methoden: Polizisten und Soldaten schneiden Beat-Fans die Pilzfrisur auf offener Straße mit der Gartenschere weg. Die Musik selbst bleibt Mangelware. Aus den kulturell weniger restriktiven Volksrepubliken Jugoslawien und Bulgarien gelangen zwar Bootlegs in die Sowjetunion, lizenzfrei produzierte Kopien originaler Beatles-Platten. Den offiziellen Markt aber kontrolliert das staatsmonopolistische Plattenlabel Melodija, auf dem die Beatles nicht veröffentlichen durften. Immerhin erscheint das Beatles-Stück „Girl“ auf einem Sampler, deklariert als Volkslied. Als sich daraufhin sowjetische Mädchen als „Girls“ bezeichnen, wird die Veröffentlichung von Beatles- Musik gestoppt.

Eine Schlagersängerin, die den Song „Something“ unter dem Tarntitel „I Believe“ auf ihre LP schmuggelt, erhält Berufsverbot wegen „Verbreitung bourgeoisen Gedankenguts“. Erst 1974 dürfen bunte Schallfolien, sogenannte Flexis, mit Beatles-Titeln offiziell auf Melodija erscheinen, doch der Bandname bleibt tabu. Lediglich die Nachnamen Lennon McCartney stehen in Klammern hinter den Songtiteln – woraufhin prompt das Gerücht entsteht, es handele sich um einen Solokünstler mit Doppelnamen.

Stapel schlecht abfotografierter Bandporträts füllen eine ganze Vitrine. Damals erzielten diese Abzüge Höchstpreise auf dem Schwarzmarkt. In Ermangelung von Memorabilia, mit denen eine explodierende Beatles-Industrie auf das Taschengeld westlicher Teenager zielte, musste „Samisdat“ herhalten: Fanzines und Alben entstehen als hektografierte Kleinst-Edition im Eigenverlag oder als handschriftliche Unikate mit rührenden Porträts der Stars in Filzstift. Der Beatles-Fan Igor Romanowsky fertigt illegal bronzene John-Lennon-Medaillen.

Kein Exponat illustriert die Leerstelle besser als die sogenannten „Rock auf Knochen“-Scheiben: In die Folien von Röntgenbildern wurden Schallrillen hineingeschnitten. Oftmals zierten Fotos von Knochenbrüchen diese selbst gemachten Schallplatten. Prunkstück der kleinen Ausstellung ist eine Röntgen-Single des Hits „Kansas City“ mit dem Foto einer Wirbelsäule. Die Klangqualität der aus dem Krankenhausmüll entwendeten oder von Ärzten herausgeschmuggelten Schallfolien war bescheiden, wie eine digitalisierte Aufnahme beweist.

Mitte der Siebziger lässt sich die Beatles-Fan-Welle kaum mehr unterdrücken. Auf Lang- und Mittelwelle sickern kapitalistische Klänge ein. Ein Plattencover der ab 1976 endlich offiziell erscheinenden Sowjet-Singles schmücken allerdings nicht die Konterfeis der Stars, sondern aus rätselhaften Gründen das Foto eines sowjetischen Raketen-Monuments. Als in den Achtzigern mit „A Hard Day’s Night“ und der eigens kreierten Zusammenstellung „Taste of Honey“ die ersten Beatles-LPs herauskommen, kommentiert der Covertext dies mit der zynischen Bemerkung, das Warten habe sich für die Fans gelohnt. Die haben sich unterdessen zunehmend politisiert: Im Tauwetter der Perestroika geben Veteranen der Sowjetarmee ihre Orden als Protest gegen Kriegsverbrechen in Afghanistan öffentlich zurück und berufen sich dabei auf Lennon, der einst eine Auszeichnung der Queen aus Protest gegen den Vietnamkrieg zurückgab: Lennon statt Lenin.

Das erste historisch verbürgte Konzert eines Beatles auf russischem Boden gibt Paul McCartney 2003 auf dem Roten Platz. Die Songzeile der heimlichen Kulthymne osteuropäischer Beatles-Fans „Back In The USSR“, die er unter dröhnendem Jubel intoniert, trifft dennoch ins Schwarze: Im Grunde ist die Premiere ein Comeback. Gerade wegen ihrer erzwungenen Abwesenheit waren die Beatles in der Sowjetunion so präsent wie kaum eine andere Band. Kulturelle Freiheit ist manchmal nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein paar Liedzeilen, der Besitz einer Schallplatte oder eine pilzförmige Frisur. So gesehen hat selbst eine eher an den eigenen Tantiemen als am Kalten Krieg interessierte Pop-Band ihren unbestreitbaren Anteil am Zusammenbruch des Ostblocks gehabt.

Bis zum 20. Februar im Hamburger Beatlemania-Museum.

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