Hamburger Bahnhof : Immer an der Wand lang

Der Hamburger Bahnhof zeigt mit „Wallworks“, wie das Museum seine Sammlung klug erweitert. Die neue Ausstellung beleuchtet das Verhältnis unterschiedlichster Künstler von Bruce Naumann bis Katharina Grosse zu jenen Flächen, an denen ihre Objekte präsentiert werden.

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Olympische Ringe. Sarah Morris erinnert mit ihrer Wandmalerei an die Spiele 1972 in München und deren Ästhetik.
Olympische Ringe. Sarah Morris erinnert mit ihrer Wandmalerei an die Spiele 1972 in München und deren Ästhetik.Foto: Edition Schellmann/Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof / Thomas Bruns

Tritte, Schläge, Graffiti – die Künstler scheinen die Wand nicht mehr zu mögen. Antonio Paucar springt dagegen, Monica Bonvicini hämmert auf sie ein, bis Putz und Ziegelsplitter fliegen, Nasan Tur sprayt mit roter Farbe hunderte Sprüche aus dem öffentlichen Raum Berlins darauf, bis nur noch eine monochrome Fläche zu sehen ist. Doch hinter diesen vehementen Auseinandersetzungen verbirgt sich eine große Anhänglichkeit. Schließlich ist die Höhlenwand der erste überlieferte Bildträger der Menschheit. Wer daran Hand anlegt, befindet sich in einer großen Tradition – und meint es mit der Kunst besonders ernst.

Ganz so weit wie bis zu den Höhlenmenschen und -malern reicht die neue Ausstellung in den Rieckhallen des Hamburger Bahnhofs nicht zurück. In Berlins Museum der Gegenwart beginnt die Zeitrechnung schließlich erst mit den sechziger Jahren. Die „Wallworks“-Schau nimmt ihren Ausgang deshalb klassisch mit Minimal und Conceptual Art. Damals rückten die Künstler dem White Cube noch mit intellektuellem Feinsinn zu Leibe, teilten ihn in Streifen wie Daniel Buren oder markierten Öffnungen wie Donald Judd.

Aus heutiger Sicht wirken diese Interventionen wie zärtliche Liebesbekundungen, weniger wie eine institutionelle Kritik. Ein halbes Jahrhundert später stellen sich Künstler immer noch die gleiche Glaubensfrage: Wie halten wir es mit der Wand als bildtragendem und raumbegrenzendem Element? Der Ankauf eines umfangreichen Konvoluts an Wandarbeiten animierte nun dazu, mögliche Antworten aus den vergangenen fünfzig Jahren erneut „aufzuführen“, wie Daniel Buren es leicht theatralisch nennt.

Der Doppelschlag Ankauf und Ausstellung ist für den Hamburger Bahnhof tatsächlich ein zweifacher Glücksfall: Der Münchner Galerist Jörg Schellmann überließ der Berliner Nationalgalerie ein komplettes Set seiner seit Anfang der Neunziger aufgelegten Edition aus Wandarbeiten für einen „entgegenkommenden Preis“ im mittleren sechsstelligen Bereich. Mehr will Direktor Udo Kittelmann partout nicht verraten. Mit den insgesamt 46 Werken kann das Haus walten, wie es mag, denn der Kauf besteht nicht aus fertigen Objekten, sondern aus Zertifikaten samt Bauanleitung. Die Künstler haben die Ausführung aus der Hand gegeben. Jede Arbeit wird den sich ändernden Dimensionen eines Raumes angepasst, sogar die Farben dürfen variieren.

Für den Hamburger Bahnhof bildet dieser umfangreiche Zuwachs eine ideale Ergänzung, denn drei Viertel der Künstler befinden sich bereits im Sammlungsbestand. Der nächste Schritt ergab sich prompt: eine Schau zu konzipieren, die sich dem Thema Wandarbeit widmet und den Neuzugang mit eigenen Beständen zusammenführt. Darin besteht der zweite Glücksfall. Kuratorin Gabriele Knapstein ist eine besonders schöne und lehrreiche Ausstellung gelungen, die Neuerwerbungen mit Vorhandenem und eigens beauftragten Werken vereint.

Lange Zeit sah es so aus, als würden Privatsammler den Museen die Schau stehlen mit immer extravaganteren Locations, wie Boros in Berlin mit seinem Bunker, und stets den besseren Budgets. Seit der Finanzkrise 2008 haben die Museen wieder die Nase vorne. „Am Ende landen die wichtigsten Werke doch bei uns“, so Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann selbstbewusst. Die geschickte Verknüpfung in „Wallworks“ von Werken der hauseigenen Sammlungen Flick, Marx und Marzona mit dem jüngsten Ankauf sowie Neuaufträgen gibt ihm recht.

Der Bogen spannt sich von den kühlen Befragungen eines Joseph Kosuths als Godfather der Konzeptkunst zu den poetischen Farbexplosionen der Berliner Malerin Katharina Grosse. Kosuths „White Plaster Wall“ (1965) arrangiert ein Foto der Museumswand, die Wand selbst und deren lexikalische Definition klug zu einem eigenen Werk, das Bild, Abbild und Begriff vereint, während Grosse drei gewaltige Stämme samt Wurzelwerk in eine Halle schaffen ließ und sie in eine Wolke aus Farbe versetzte. Der Clou: Michelangelo Pistolettos Spiegelscheibe an der gegenüberliegenden anthrazitfarbenen Wand wirft einen Ausschnitt dieser Farborgie als gelb-rote Sonne zurück.

Die Ausstellung lebt von solchen Verbindungen. Mal ist es die passende Kombination einer Serie kleiner Gemälde Günther Förgs aus dem vorhandenen Bestand, die alle einen Schnitt in der Horizontalen haben, mit einer neu erworbenen Wandarbeit des Künstlers, die sich wiederum vertikal in eine gelbe und eine weiße Hälfte teilt. Mal ist es die künstlerische Allianz zwischen den vorhandenen Fotografien Gordon Matta-Clarks, der 1973 die Graffitis auf Eisenbahnwagen aufnahm, mit Robin Rhodes neuer Wandarbeit „Car on Bricks“. Wo einst die Räder waren, befinden sich nur noch Backsteine. Bei Rhode fehlt sogar der Wagen. Mit schnellem Strich ist ein Mercedes an die Wand skizziert, Tribut der Großstadt. Der engagierte Urbanist Matta-Clark dokumentierte die Konflikte noch als künstlerische Artikulation, der abgeklärte Südafrikaner Rhode reagiert nur noch mit trotzigem Humor.

Welten liegen zwischen der temperamentvollen Performance von Antonio Paucar und den Exerzitien Bruce Naumans, der in kasteiender Haltung an den Wänden seines Ateliers entlangrobbt, um den Raum und seine Grenzen an sich selbst zu erfahren. Die verwaschenen Schwarz-Weiß-Aufnahmen seiner Aktion atmen den Geist der sechziger Jahre und deren Entsagungen. Vierzig Jahre später lässt sich der Peruaner Antonio Paucar filmen, wie er mit nacktem Oberkörper und barfuß den langen Gang der Rieckhallen herunterschreitet, um an deren letzter Ausstellungsstation in zwei Felder mit Yves-Klein-Blau-Pigmenten zu stapfen. Kurzes Durchatmen, dann macht Paucar einen Handstand, knallt die Füße im selben Moment gegen die Wand und verlässt im nächsten Augenblick die Szene. Zurück bleiben auf Augenhöhe die tiefblauen Spuren seiner Zehen und Ballen. Der Künstler und die Wand, die Konstanten ändern sich nicht, in der nächsten Ausstellung sind sie wieder da.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50/51, bis 31. 8. 2014; Di/Mi/Fr 10 – 18 Uhr, Do 10 – 20 Uhr, Sa/So 11 – 18 Uhr.

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