Kultur : Hamburger Havarie

Eine

So recht einen Sinn ergibt das Wort vom Intendantenkarussell nicht mehr. In Berlin zumal, wo sonst alles angeblich so schnell läuft, halten die Theaterleiter in der Regel sehr lange ihre Stellung. Intendanten werden auch nicht gefeuert, sie bekommen schlimmstenfalls ihren Vertrag nicht verlängert, und dann geht die Suche los. Es ist inzwischen der Albtraum der Kulturpolitiker, für die großen Häuser Intendanten finden zu müssen, wo auch immer; das Beispiel der Deutschen Oper hat man noch gut oder eben schlecht in Erinnerung. Intendant ist im Grunde ein krisensicherer Job, wenn man sich nicht allzu ungeschickt anstellt; gut bezahlt, aber auch Nervensache.

Die Parallelen zum politischen Geschäft sind evident. Nun ist das Rücktrittsvirus – Horst Köhler, Ole von Beust, Roland Koch – auf das Theater übergesprungen. Friedrich Schirmers Kapitulation wirkt wie ein Kulturbruch. Was immer den Intendanten des Deutschen Schauspielhauses Hamburg getrieben hat, mehr als vier Jahre vor Ablauf seines Vertrags das Handtuch zu werfen – Schirmer wird zum Präzedenzfall. Schließlich trifft es die größte Sprechtheaterbühne des Landes, eine traditionsreiche obendrein.

„So kann ich nicht arbeiten, ich reise ab“, tönt der Tenor, wirft sich seinen Schal über die Schulter und zieht von dannen. Das ist der Klassiker. Aber Schirmer gehört nicht zu den Regie führenden Theaterchefs – wie Thomas Ostermeier an der Schaubühne oder Matthias Hartmann am Wiener Burgtheater –, er ist ein Manager, ein Dramaturgentyp. Ein Ermöglicher, würde Frank Baumbauer sagen, der das Deutsche Schauspielhaus in den 90er Jahren überaus erfolgreich geleitet hat. Wenn so ein Ermöglicher keine Möglichkeit mehr sieht, sein Haus zu bestellen, dann schrillen die Alarmglocken. Dann sind auch die Kulturpolitiker mit haftbar.

Schirmer klagt, dass finanzielle Zusagen nicht eingehalten wurden. Ein seriöser Haushaltsplan sei unter diesen Umständen nicht machbar. Das mag zutreffen, ist aber in Zeiten finanzschwacher Kommunen ein schlechtes Argument. Das allgemeine Verständnis für den steigenden Geldbedarf der großen Opern- und Schauspielhäuser schwindet – auch eine Folge ihrer künstlerischen Unsicherheit und ästhetischen Aufsplitterung.

Am Schauspielhaus, das interimistisch vom Kaufmännischen Direktor Jack Kurfess geleitet wird, hat es sich in den letzten Jahren dick und gefährlich zusammengebraut. Schirmer fand keine überzeugende künstlerische Linie, Hamburgs Kulturpolitik passte sich diesem Niveau an. Sie war blind. Jetzt schlägt der Erste Bürgermeister Christoph Ahlhaus eine Generalintendanz für das Schauspielhaus und das Thalia Theater vor. Das größere Haus, das eine Havarie erlebt, soll das kleinere, das sich in stabiler Lage befindet, herunterziehen. Schirmers abrupter Abgang provoziert weiteres verantwortungsloses Handeln. Eine große Theaterstadt droht abzusaufen. Hamburg braucht wieder einen Baumbauer, einen Brückenbauer!

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