Kultur : Hamburger Kammerspiele: Die Scheinheiligen der letzten Tage

Ulrike Kahle

Da sitzen sie und plaudern ins Publikum, vier junge Leute, amerikanische Mittelschicht, nett und adrett, drei von ihnen haben einen Mord begangen, das erfährt man ganz nebenbei. Großer Premierenauftrieb in Hamburg: Endlich mal wieder Star-Theater mit Star-Regisseur, in bewährter Kombination der kleinen, rührigen Hamburger Kammerspiele mit den Wiener Festwochen, dazu die Ruhrfestspiele und das Deutsche Theater Berlin. Dort wird Zadeks jüngste Arbeit in der nächsten Spielzeit zu sehen sein.

Peter Zadek, mit Ibsens "Rosmersholm" eingeladen zum Berliner Theatertreffen, demnächst 75, ewig jung und neugierig, interessieren nicht nur Ibsen und Shakespeare, sondern genauso junge Autoren. Vor zwei Jahren inszenierte er die erbarmungslos rätselvolle Parabel "Gesäubert" von Sarah Kane. Nun, in deutschsprachiger Erstaufführung, "Bash". Neil LaBute ist amerikanischer Filmregisseur und Drehbuchschreiber, außerdem Mormone: Die jungen Leute in seinen Stücken sind auch Mormonen, Mormonen und Mörder, beides erfährt man eher nebenbei. Vor allem sind sie oberflächlich, brutal, ichbezogen, ohne eigene Haltung und Moral. Verloren, allein gelassen irgendwo im luftleeren Raum, zwischen Safeway und Bibel, plappern sie nach, was sie so mitkriegen von der kriegerischen Businesswelt, vom Fernsehen, von der Gemeinde.

Nicht sehr theatralisch, diese "Stücke der letzten Tage". Drei Beichten, ein Triptychon: zwei Monologe umrahmen ein Duett. Ben Becker hat den schwersten Part. Er muss mit einem 45minüten Monolog beginnen und dabei ein fiktives Gegenüber anreden, in einem Hotelzimmer; sitzt nur und redet. Ein Geschäftsmann aus Salt Lake City, der Mormonen-Hochburg in Utah. Gedeckter Anzug, trinkt nur Wasser, redet ab und zu von der Gemeinde. Vor allem redet er aber von seinem Job und der Konkurrenz besonders durch diese karrierebewussten jungen Frauen "mit Hosenanzug und Kurzhaarschnitt. "Sie wissen, was ich meine". Schwerer Fall von Chauvinismus.

Obwohl man den Eindruck hat, Ben Becker könnte das noch viel besser spielen, nicht so blass und gewollt zurückhaltend, fesselt seine Geschichte mit makabrer Schlusspointe: Der Tod seiner neugeborenen Tocher war kein Ungücksfall, er hat sie umgebracht. Ein bißchen tiefer unters schwere Plumeau geschubst, unter das sie sich verkrochen hatte. Einfach so. Weil er glaubte, seinen Job verloren zu haben. Um Mitleid zu erregen und so den Job zu behalten. Tochter-Opfer.

Nicht umsonst heißt dieser Teil "Iphigenie in Orem". Denn diese drei Geschichten von alltäglichen jungen Leuten, die Situationen aus ihrem Leben gern mit Spielfilmen und Serien aus dem Fernsehn vergleichen, haben die Wucht der griechischen Tragödie. Im Mittelteil "Eine Meute von Heiligen" plappern Sue und John nebeneinander her von einem Fest in New York. Studenten aus Boston, aberwitzig kleinkariert, spießig, äußerlich. Wie sie über Autos reden, die Fahrt, den Smoking, das Ballkleid - nur nicht verknittern! Uwe Bohm und Judith Engel spielen bravourös das bornierte junge Paar: sie ganz in sanft-pastelligen Bonbonfarben, ein magersüchtitges Zuckerpüppchen, das ganz auf kindlich macht und auf kokett, er ein toller Hecht, ein ganzer Kerl, Medizinstudent, ganz und gar seiner schönen Sue ergeben. Amerikanische Bigotterie: Das trieft nur so von Scheinheiligkeit, ein scharfes, bitterböses Kabinettstückchen. Schon bei ihrem ersten Kennenlernen wird John gewalttätig, schlägt brutal Sues ersten Freund mit dem Kopf zu Boden, wieder und wieder, und lässt ihn liegen.

Doch Sue übergeht das einfach, sieht nur das Süße, Romantische ihres Beginns. Und in New York, während sie im Plaza schläft nach der wundervollen Mormomen-Party, bringen John und zwei Freunde mal eben einen Homosexuellen um. Das geht doch nicht, zwei erwachsene Männer, die sich küssen mitten im Park, wie Romeo und Julia oder wie in diesem Film, "müssen wir uns sowas angucken?" Das ist absolut gruselig: Er erzählt den Mord, sie hört nicht hin, ein Horror-Paar ganz von heute, das seine Abgründe verdeckt mit einer süßlichen Zuckerschicht aus übertriebenem Turteln und scheinbarer Rechtschaffenheit.

Der dritte Teil ist wieder ein Monolog. Judith Engel spricht auf einen Kassettenrecorder, vermutlich in einer Klinik, das Fenster hinter ihr ist vergittert. Sie erzählt von der Liebe einer dreizehnjährigen Schülerin zu ihrem Lehrer, die ergreifende Geschichte eines tiefen Gefühls, eines unauslöschlichen Eindrucks. Sie wird schwanger, mit vierzehn, verspricht, ihn nie zu verraten, und er haut ab, lässt sie sitzen. Geht an eine andere Schule, heiratet, keine Kinder. Ihre Rache wird furchtbar sein. Sie hält brieflichen Kontakt mit ihm, hält sein Interesse an dem unbekannten Sohn wach und besucht ihn schließlich, nur für dieses eine Mal, mit dem vierzehnjährigen Sohn. Sieht seine Zuneigung zu dem Sohn und seine Zufriedenheit, dass er davongekommen ist. Sie tötet den Sohn.

Wieder Judith Engel: Als moderne Medea ist sie völlig verändert, naiv, aufrichtig und sehr intensiv. Unglaublich berührend, wie durch ihre Haltung, ihre Töne, das, was ihr geschehen ist, ihre wunderschöne Liebesgeschichte als ungeheures Unrecht deutlich wird. Wie weiches Wachs war sie, ein Kind, freudig ausgeliefert dem erwachsenen Verführer, der ihr seinen Stempel aufdrückte, sie prägte, mit seiner Vorliebe für Billie Holiday sowie griechische Mythen und Philosophie. Die griechischen Sagen hat er ihr geschenkt und ihr den Begriff "Adakia" beigebracht, das heißt "die Welt ist aus dem Lot" durch die Schuld der Sterblichen. Er hat sie für immer aus dem Lot gebracht durch seine Schuld. Ihre Rache nimmt sie im griechischen Stil.

Drei außerordentlich gut gebaute Geschichten, im plötzlich wieder modernen Theater-Minimalismus. Menschen erzählen. Basta. Die Bilder müssen im eigenen Kopf entstehen. Regisseur Peter Zadek hält sich zurück, lässt Geschichten und Schauspieler sprechen, ganz einfach. Und das Drama entsteht.

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