Kultur : Hamburger Opern-Premiere: Die Welt im Fadenkreuz

Joachim Mischke

Als der Chefdramaturg in seiner Premieren-Einführung mit eindringlichem Unterton darauf hinwies, dass das nun folgende Stück ein Kunstwerk sei, dass die, die sich dort auf der Bühne ermordeten, vorher vielleicht einen Kaffee in der Kantine miteinander getrunken hätten, wurde klar, wie sehr in diesen Tagen auf beiden Seiten des Vorhangs die Nerven wundgescheuert sind. Stell dir vor, es kommt Krieg, und wir sitzen hier, zwischen etwas Elbchaussee-Geldadel und vielen betagten Abonnenten.

Henzes "We come to the river", die mit Spannung erwartete Eröffnungspremiere der Hamburger Opern-Saison, ist keine kulinarische Boy-meets-Girl-Oper, sondern eine schmerzhafte, provozierende Zumutung jenseits des Genre-Formats. Kein Kunstgenuss, aber eben ein zeitlos wichtiges Kunstwerk. Als man sich dessen Realisierung vor langer Zeit vornahm, standen die Twin Towers noch, und die westliche Welt war noch in ihrer Ordnung. Als sie am 11. September einstürzten, blieb das Regie-Konzept - anders als bei Peter Konwitschnys Berliner "Intolleranza"-Inszenierung - unverändert. Denn der Schritt aus der musiktheatralischen Abstraktion in die Tagespolitik hätte nur ein vorschneller Fehltritt sein können.

Menschen werden in "River" getötet, grausame Befehle werden als solche erkannt. Und ausgeführt. Ihre Opfer werden zu Wiedergänger-Visionen eines Generals (stimmlich wie darstellerisch herausragend: David Pittman-Jennings), der zunächst von der Macht verblendet Befehle gibt und dann, als geblendeter Widerstandsheld in einer Irrenanstalt, zur verzweifelten Ohnmacht verdammt ist. Unschuldige leiden, Schuldige sterben. Das diktatorische Böse, per Staatsräson hinter einer bourgeoisen Jubelparaden-Fassade entlarvend maskiert, ist immer und überall.

Am Ende stirbt auch der General, ermordet von jenen Wahnsinnigen, die schon weggesperrt sind und in betörenden, unwirklich schönen Chorgesängen vom Übersetzen in eine bessere Welt träumen. Die anderen, die feisten Grinser in ihren ordensprallen Gala-Uniformen, verteilen Waffen an Kinder und bleiben an der Macht.

Falk Richters Regie, die rund 60 Mitwirkende in mehr als 110 Rollen glänzend koordinierte, wollte nicht vor der Anklagebank des Librettos fliehen. Sie wollte die Augen des ohnehin verschüchterten Publikums nicht mit Deutungskonzepten ablenken. Warum auch, im Text von Edward Bond ist alles gesagt, dort stehen alle agitatorisch überhöhten Anklagepunkte und alle grausamen Wahrheiten. Also beließ es der junge, Kampnagel-geschulte und von Christoph Marthaler nach Zürich geholte Regisseur und Dramatiker für sein Opern-Debüt beim schonungslosen, unverstellten Bebildern. Nah am Kontext, nah an der vielschichtigen und aussagestarken Musik, die Generalmusikdirektor Ingo Metzmacher, Hamburgs emsigster Anwalt für die Moderne in der Musik, ohne Schwächemomente im Griff hatte. Dieses Stück war für ihn Herzensangelegenheit und Bekenntniswerk.

All das, das oft parallele Sterben, Leiden und Wahnsinnigwerden spielte sich erstaunlich überschaubar auf einer dreigeteilten Bühne ab, mit drei Teil-Ensembles, Videowand und ansonsten eher verhaltener Symbolsprache. Dass am Ende des ersten Teils idyllisches Fluss-Plätschern vom Band tönte, brachte den irrealen Wahnsinn dieser Welt-Bühne auf den Punkt. "Ein Stück, das vom Krieg handelt, kann nur überfordern", hatte Richter vor der Premiere zu bedenken gegeben. Wie gut, dass er damit recht behielt. Alles andere wäre wohl Feigheit vor dem Klassenfeind gewesen.

Das Ensemble wurde vehement bejubelt, der angereiste Henze stürmisch gefeiert. Die wenigen obligatorisch wirkenden Buh-Rufe für Richter störten nicht weiter. Im Opern-Foyer warteten unterdessen Monitore mit ersten, zweistelligen Wahl-Hochrechnungen für Ronald Schill.

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