Kultur : Hamburger Thalia Theater: Clowns kämpfen mit Kunst

Ulrike Kahle

In Hamburg brechen neue Theaterzeiten an. Frank Baumbauer verließ nach sieben Maßstäbe setzenden Jahren mit seinem Team das Deutsche Schauspielhaus. Jürgen Flimm, von den Hamburgern heiß geliebt, ging nach fünfzehn Jahren Intendanz, in denen er nicht nur immer wieder meisterhaft selbst inszenierte, sondern auch mit Robert Wilson das deutsche Theatermusical kreierte. Flimm machte das Thalia zum erfolgreichsten Theater Deutschlands, er gewann Förderer und Freunde, baute um und an und hinterließ einen Überschuß von einer Million für den neuen Hausherrn. So prächtig ausgestattet kann Ulrich Khuon, nach sechs beachtlichen und beachteten Jahren in Hannover wohlgemut weitermachen, mit einer klugen Mischung aus neuen und alten Ensemblemitgliedern, mit Autoren und Regisseuren, die er entdeckte oder förderte.

"Nachtasyl". Geschrieben um 1900 von Maxim Gorki, Anhänger der russischen Revolution, uraufgeführt von Max Reinhardt in Berlin 1903. Ein Aufschrei, ein Plädoyer für die Armen und Elenden, die Außenseiter der Gesellschaft. Natürlich geht russischer Elends-Naturalismus nicht mehr, und Andreas Kriegenburg wollte um keinen Preis nachgespielte Armut zur Ergötzung eines saturierten Hamburger Publikums. Er durchmangelte das Stück mit frischer Kraft, strich Worte und Rollen, verwandelte hier eine Hure in einen Mann, der eine Frau sein will, dort einen Trinker und Schauspieler in eine Schauspielerin, übrigens mit sehr viel neuem Text. Er arbeitete leitmotivische Refrains heraus, stilisierte und ästhetisierte das Ganze in bewährter Kriegenburg-Art auf einer wie immer wunderbar einfach mit großen Linien und leicht verschobenen Ebenen eingerichteten Bühne von Robert Ebeling.

Der Anfang: Fast eine Offenbarung. Solche Höhepunkte hochmusikalischer Theaterchoreographie sind selten und kostbar: Andreas Kriegenburg verwandelte seine Nachtasylanten in traurige Clowns der Selbstbesessenheit, stürmisch durchweht von expressionistem Geist und Stil der Stummfilm-Ära. Jeder kreist um sich selbst, mit unerhört verschraubt, verschrobenen Körperhaltungen und Bewegungen, mit rauhen Raunz- und hellen Maunztönen, eine hinreissende Orgie aus Klang und Bewegung. Der Anfang mit seinen verschiedenen kurzen Monolog-Sätzen und den Einwürfen des Bewegungschors der vier Männer in den hinteren Betten scheint musikalisch durchkomponiert. Doch dann ... jeder hat seinen Auftritt, jeder zelebriert sein kleines Elend und soll auch genau das zeigen: Das Zelebrieren mehr als das Elend, und es interessiert einfach nach einiger Zeit nicht mehr.

Zwar flackert immer wieder Interesse auf, wenn etwa Hans Kremer als Asylbesitzer an der Rampe eine Dr.Jekyll und Mr. Hyde Metamorphose beispiellos überzeugend vorführt, wenn die fabelhafte Fritzi Haberland als Natascha das Elendsgetöne ihres Verehres Waska pantominisch konterkariert. Doch: Worum geht es eigentlich? Hinter den zwei hohen Türöffnungen übereck rechts im Bühnenhintergrund flackert Buster Keatons Stummfilm "Der General". Der komische Außenseiter? Der Außenseiter als Komiker? Oder ist einer der Refrains das Motto: "Menschen sind rührend" oder vielleicht "Du arbeitest, du isst." Ich arbeite, also bin ich. Ich arbeite nicht, also muss ich mir meine Identität vorspielen. Ja, Kriegenburg, seinem Team und seinen Schauspielern gelang eine große Denk- und Kunstanstrengung. Nicht genug, um neue Hamburger Zeiten einzuläuten. So denkt man traurig an den Höhepunkt Kriegenburgscher Regiekunst, die ungeheuer aufwühlende, poetische und tragische "Penthesilea", kürzlich am Residenztheater in München und wünscht sich mehr Gefühl und weniger Stil. Ein kühler Beginn für die heiße Theaterschlacht zwischen den zwei jetzt wieder neu konkurrierenden Hamburger Häusern, zwischen dem aufrechten Theaterliebhaber Ulrich Khuon und Expo-Tausendsassa Tom Stromberg. Zeitlich hat Khuon die Nase vorn. Heute folgt die nächste Thalia-Premiere, Moritz Rinkes "Republik Vineta". Neues Land, neues Stück, neues Glück. Bericht folgt.

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