Kultur : Hamlet für alle!

Sandra Luzina

"So herzlich wir das Theater lieben, so herzlich leiden wir auch daran." Mit diesem Bekenntnis zur Theaterleidenschaft eröffnete Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer im Reichstag eine Anhörung der besonderen Art: "Wozu das ganze Theater?", fragten die Bündnisgrünen. Finanzierungsfragen sollten dabei ausgeklammmert werden, und so nahm die Diskussion über die Lage des Subventionstheaters eine andere Richtung. Zumal sich zum Rechtfertigungsdruck der Institutionen ein professioneller Leidensdruck der Theaterschaffenden gesellte.

Jede Debatte bedarf der ausgewiesenen Antipoden: Viele der Referenten auf dem Podium wussten genau, welchen Part sie spielen sollten. Interessant wurde es aber, wenn sich die Rollen von Ankläger und Verteidiger verkehrten. Und wenn bei Scheingefechten die Waffen gestreckt wurden. Nach dem 11. September, so Vollmer, sei sie verstärkt ins Theater gegangen, in der Hoffnung, dass es vielleicht realer sei als die Wirklichkeit, wenn diese sich auf totalitäre Weise theatral inszeniert. Aber woran liegt es, dass das Theater seine öffentliche Funktion nicht stärker wahrnimmt? Bald war da von der Eitelkeit der Regisseure, ihrem "willkürlichen Umgang mit Texten" und einem neuen Geniekult die Rede.

Christoph Schlingensief mischte die Runde ordentlich auf. Mit der Beschimpfung von Altmeistern wie Claus Peymann hielt er sich nicht lange auf, stattdessen propagierte er sein neues Projekt, das er "Theater der Inflation" nennt. Schlingensief begreift sich nicht als Veredler, er fordert das Theater für den Hausgebrauch: Warum nicht "Hamlet" in 60 Minuten im Wohnzimmer spielen - Schlingensief liefert das Textbuch mit Regieanweisungen. Der Querulant als Pädagoge?

"Das Theater und seine Kritik": Auch in der Schlussrunde ging es hoch her. Antje Vollmer wähnte die feindlichen Brüder immerhin in "Hass-Liebe" verbunden, während der Publizist Roger de Weck dem deutschen Feuilleton all das vorhielt, was an ihm deutsch ist. Von den Kritikern, denen er Narzissmus und Profilierungssucht attestierte, forderte er "stolze Demut".

Und Claus Peymann? Spielte Claus Peymann. Der BE-Intendant erklärte den Gegner kurzerhand für tot. Die Theaterkritik habe ausgespielt. Wenig später beklagte er allerdings, dass bereits die nächsten Theater schussreif geschrieben würden - die alten Feindschaften sind also keineswegs begraben. Rüdiger Schaper, Theaterredakteur des Tagesspiegel, hielt dagegen, dass die Kritik immer nur so gut sein könne wie das Theater selbst. Dem mochte auch Ivan Nagel als der große Unbestechliche beipflichten. Dass die kulturpolitischen Unwägbarkeiten aus Kritiken Kampfartikel machten, sei bedauerlich, aber nicht zu vermeiden.

Nach einem Anflug von Selbstkritik besann sich Peymann am Ende auf den gemeinsamen Feind: die kleingeistigen Politiker und ihr "Banausentum". Eine neue Allianz? Andererseits fand der BE-Chef auch Gefallen an dem Vorschlag, Kritiker zwecks Überprüfung ihre Rezensionen öffentlich vortragen zu lassen. Ob er dann für die Inszenierung sorgt?

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