Kultur : "Hamlet": Spiel mir das Lied vorm Tod

Hartmut Krug

Alexander Lang beginnt seine "Hamlet"-Version nicht mit der Geister-Erscheinung des ermordeten Vaters, sondern mit dem höfischen bunten Leben. Sein Hamlet kämpft nicht um eine Haltung zum Leben, sondern um eine zum Tode. Er quält sich nicht damit ab, die Welt "einzurichten", sondern versucht sich damit abzufinden, dass es den Tod gibt. Gezeigt wird in Weimar Shakespeares Stück weder als psychologisches Kammerspiel noch als politisches Haltungsstück, sondern als Betrachtung über das menschliche Leben, das nun mal zum Tode führt. Genau damit wird der in Weimar ganz junge, zwischen Naivität und Eitelkeit pubertierende Hamlet nicht fertig. Wenn seine in ihrer neuen Liebe so kindisch albernde Mutter (virtuos: Katja Paryla) ernsthaft von ihm verlangt, dass er die Vergeblichkeit des Lebens akzeptieren soll, erstarrt er.

Der hochgewachsene, erst 24-jährige Fehlix Rech gibt mit kindlich staunender Verzweiflung einen suchenden Hamlet, dem die Unsicherheit in die zuckenden Glieder fährt. Der begabte junge Schauspieler führt mit großer Sensibilität einen jungen Mann vor, der sein eigenes Bewusstsein von der Welt erst noch erkämpfen muss. Dabei stößt dieser Hamlet, wenn er Rollen einnimmt, auf lauter Menschen, die ebenfalls bewusste Rollenspieler sind. Alexander Lang inszeniert "Hamlet" nicht nur als Familiengeschichte und scheiternde Initiation eines jungen Mannes, sondern zugleich als ein Ausstellungsstück über Funktionsweisen von Theater. Hier ist alles Theaternummer, Theaterzitat und Theatermaschinerie. Die Bühne ist in blauen und grünen Farbtönen als ein ästhetischer Raum vor sich winkelnden Wänden gehalten, aus denen hoch oben bunte Puppen herausschauen oder über denen auch einmal ein Reiseballon schwebt. Die ganze Welt ist eine Bühne, von lauter Genrefiguren bevölkert, die nach bekannten Theatergesetzen funktionieren. Marcel Keller gestaltete Bühne und Kostüme als wunderschönes ästhetisches Zeichen- und Bedeutungsreservoir. Da huschen schwarz bestrumpfhoste Männer mit hohen steifen Hüten: Rosenkranz und Güldenstern sind ein ältliches Komikerpaar, in dessen wechselnder Kostümierung und andauernder Streiterei wir etliche Männerpaare und Dienerkonstellationen aus der Theatergeschichte wiederfinden. Ophelia, gespielt von der Sängerin Franziska Gottwald, ist eine reine Kunstfigur: gekleidet wie der Prototyp einer idyllisierten Schäferin, wird sie von allen wie eine Puppe stets in Gang gesetzt, und wenn sie nicht weiter weiß, bricht sie in Kunstgesang aus. Polonius (der recht junge Peter Badstübner) kommt als verschlagen gekrümmtes Theaterzitat eines Intriganten daher, der sich sichtlich unter Rollendampf setzt. Der jugendlich kraftvolle Hagen Oechel gibt den König Claudius als selbstbewusst in seiner neuen Rolle aufgehenden König, während der Geist seines ermordeten Bruders als Nosferatu daherkommt. Manchmal sind szenische Bedeutungen und Sprachgestus wichtiger als das, was inhaltlich gesagt wird. So wird die TotengräberSzene nicht als existentielle Reflexion, sondern als Kampf um die besten Sprüche und Witze geführt. Zugleich findet sie wie alle Szenen, die vom Tode handeln, im Zentrum der Bühne auf einem umzackten zentralen Spielfeld statt. Langs Inszenierungskonzept geht bis zum Tode des Polonius durchaus auf, doch dann hängt die Inszenierung trotz aller Artistik und Ästhetik durch. Statt einer jetzt geforderten Haltung, denn es ist wirklich getötet worden, gibt es nur noch zitierenden Leerlauf. Bis der Rest Schweigen ist, nach allgemeinem virtuosen Gemetzel. Natürlich kommt hier kein Fortinbras, denn um das Problem von Gesellschaft und Macht geht es dem Regisseur nicht. Es wird einfach dunkel, der Tod ist wie im Leben das Ende.

Theater ist in dieser partienweise hinreißenden "Hamlet"-Inszenierung eine Kunstform, die mit all ihren Posen, Stoffen, Rollen und Gesetzen mit bewusstem Witz auf der Bühne ausgestellt und untersucht wird: mit einem hohen Schauwert, der wegen eines hervorragenden, homogenen Weimarer Ensembles das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinriss.

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