Kultur : "Hampels Fluchten": Hoffnung für einen erbärmlichen Helden

Stephan Lebert

Wie stellt man eigentlich fest, dass man das Zeug hat, ein wirklich guter Schriftsteller zu sein, zu werden? Merkt man so was? Und noch etwas: Dauert es lange, muss man sehr leiden, bis der Erfolg kommt?

Es ist ein zauberhafter Sommervormittag in einem Charlottenburger Straßencafe, und es ist ein guter Moment, nach derart Grundsätzlichem zu fragen. Denn vor uns sitzt Michael Kumpfmüller, 39 Jahre alt, dessen erstes Buch gerade erschienen ist, der Roman "Hampels Fluchten". Es ist ein großartiger Roman mit einer wunderbaren Sprache, und man würde an dieser Stelle gerne noch ein bisschen mehr jubeln, wenn das nicht schon so viele anderen gemacht hätten. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher sieht in Kumpfmüller bereits den "neuen deutschen Erzähler" und druckte sein Werk als Vorabdruck im Feuilleton. Der "Spiegel" schrieb über Heinrich Hampel, den Titelhelden: "Er ist ein erbärmlicher, fatalistischer, trüber Held, und doch ist die Schilderung seines Schicksals eines der schönsten, komischsten, traurigsten deutschen Bücher seit langem". Und wir möchten nur noch kurz ergänzen: Mit der Entdeckung Michael Kumpfmüller hat der aktuelle Hype um die deutsche Literatur einen neuen, gerechten Höhepunkt erreicht, am Freitag nimmt sich auch das "Literarische Quartett" seiner an. Das Buch wurde schon ins Ausland verkauft, da war es noch nicht einmal ganz fertig.

Michael Kumpfmüller bestellt sich einen Joghurt mit Früchten, obwohl er eigentlich gar keinen Hunger hat: "Ich habe schon zu Hause mit meinen Kindern gefrühstückt, aber ich kann nicht zuschauen, wenn jemand was isst, ich muss auch was haben." So etwas klingt schon mal sympathisch, und überhaupt macht das Gespräch gleich gute Laune, denn er erzählt nichts von tiefen Einsichten, die zu dem Roman geführt haben. Er sagt, die Hauptfigur habe Parallelen mit einem wirklichen Onkel von ihm. Da der schon tot war, als er anfing zu recherchieren, redete Kumpfmüller über Monate hinweg mit Leuten, die den Onkel gekannt hatten. Kumpfmüller sagt, das Buch habe eine Menge "mit meiner Familiengeschichte zu tun". Na, so könnte das doch gehen mit dem eigenen Roman: Man treibt einen spannenden Ahnen auf, und bald ist das Buch fertig.

Die ersten Sätze des Romans lauten: "An einem Dienstag im März ging Heinrich bei Herleshausen-Wartha über die Grenze. Das glaubt einem ja auf Anhieb keiner, dass ein Dreißigjähriger im Frühjahr neunzehnhundertzweiundsechzig mit nichts als einem Rucksack voll Wäsche und einer Flasche Whisky über die Grenze geht und erklärt, er möchte ein Bürger werden der Deutschen Demokratischen Republik in ihrem dreizehnten Jahr, und warum das so ist, muß in allen Einzelheiten niemand erfahren." Und die letzten Sätze des Romans gehen so:"Schmeckt, das Essen, das Leben, wenn es gute Laune hat, sagte er. Man müßte noch einmal von vorne anfangen können, sagte sie. Ja, fangen wir noch einmal von vorne an. Am besten gleich morgen, sagte sie. Ja, morgen wäre ihm eigentlich ganz recht."

Die Verzweiflung des Verführers

Dazwischen geht also der Bettenverkäufer Heinrich Hampel auf 494 Seiten von der Bundesrepublik in die DDR, lebt irgendwann auch in Russland und Afrika, liebt viele, viele Frauen, wird Stasi-Spitzel, Bautzen-Häftling, und irgendwann, ja, nimmt es auch kein gutes Ende mit ihm. Dies wird alles in einem ironischen und dennoch warmherzigen Ton erzählt, dass man es als Leser gar nicht wahrhaben will, wie allmählich die Schlinge um Hampels Hals enger und enger wird. Man hofft fast bis zuletzt, mehr als Hampel selbst wahrscheinlich, dass er, der verzweifelte Verführer, schon wieder eine neue Frau auftreiben wird, die ihn dann doch alles Schlimme vergessen lässt.

Geboren ist Michael Kumpfmüller im Jahr 1961 in München, und man könnte seine Herkunft und Jugend in einigen groben Stichpunkten skizzieren: Sozial engagiertes, behütetes Elternhaus, guter Schüler mit 1,4 Notendurchschnitt (heute noch mit dem Geschichtslehrer befreundet), Mitglied der SPD, ein Leben ohne große Rebellion. Kumpfmüller fände eine solche Verkürzung vermutlich ein bisschen schade, schon deswegen, weil man dadurch auf so viele Details, Lebensgenauigkeiten verzichten müsste. Wenn er nämlich beispielsweise von seinem Heimatstädtchen Unterschleißheim bei München spricht, ist es nicht einfach ein kleines Nest, sondern ein Ort, der schon seit 1200 Jahren existiert, früher mal klein war und heute beinahe 25 000 Einwohner hat. Und, nebenbei bemerkt, eine Buchhandlung hat, die gerade ein gesamtes Schaufenster mit dem Kumpfmüller-Buch füllt.

Fragt man ihn nach den ersten literarischen Versuchen, antwortet er mit einer Zeitspanne: 6. November bis 25. Januar. Genau so lange dauerte seine erste große Liebe. Er war 15 und unfassbar unglücklich, als sie das Ende beschloss. Er weiß noch gut, wie er in dieser Zeit eines Nachts in der Küche stand und die mitfühlende Mutter ihm ein warmes Bier reichte, "ich hatte damals anscheinend größere Schlafprobleme." Er weiß auch noch, dass die Bücher von Kafka damals seine Gefährten waren. In dieser Unglückszeit schrieb er seine erste Erzählung, immerhin 150 Seiten stark, "und sicher und leider merkte man ihr an, dass ich auch ein wenig wie Kafka sein wollte". Sein Vater drückte es ein wenig anders aus, als er das Werk studierte: "Willst du es nicht lieber mal mit was Kürzerem versuchen?".

Ja, schreiben wollte er immer schon, "es hört sich zwar schrecklich an, aber irgendwie wusste ich immer, dass in mir etwas drin ist, was raus will". Wobei er schon frühzeitig, sozusagen nach der Kafka-Phase, für sich erkannte, dass das Graben in seiner Seele "nicht meine Sache ist. Mein Ding ist eher die Welt draußen." Seinen zweiten Versuch schrieb er in Wien, während er dort Germanistik und Geschichte studierte. Es ging um zwei Brüder, ein Physiker und ein Künstler, deren Geschichte Goethes Farbenlehre erklären sollte. Klingt kompliziert. Ist kompliziert, viel zu kompliziert, sagt er.

Man könnte sagen, im Leben des zukünftigen Schriftstellers Michael Kumpfmüller gingen dann einige Jahre so dahin. Er machte seinen Uni-Abschluss, promovierte über den Stalingrad-Mythos in der deutschen Literatur, arbeitete journalistisch unter anderem für die ZEIT, auch für den Tagesspiegel und das FAZ-Magazin, was ihm zwei Nominierungen für den Egon-Erwin-Kisch-Journalistenpreis einbrachte. Er zog nach Berlin, heiratete eine Journalistin, die Familie Kumpfmüller besteht inzwischen aus Mutter, Vater und zwei Söhnen. Er bekam hin und wieder ein Literatur-Stipendium, ja, und ansonsten recherchierte er an seinem nächsten Romanversuch. Eines war klar: Es wird die Geschichte des Onkels sein.

Der Anruf des Agenten

In dieser Zeit, an einem Sonntagmorgen vor rund vier Jahren, kam ein Anruf des Berliner Literaturagenten Matthias Landwehr, der einen Text von Kumpfmüller im FAZ-Magazin gelesen hatte, eine grundsätzliche Geschichte über Berliner Hausmeister. Ihm habe dieses Stück sehr gefallen, sagte der Agent, und ob Kumpfmüller nicht mal was Größeres schreiben möchte. Wenn man so will, traten durch diesen Anruf zwei Welten miteinander in Berührung: Da ist zum einen die eher langsame Entwicklung des Schriftstellers Kumpfmüller und zum anderen der zunehmend aufgeregte Literaturmarkt, der geradezu süchtig nach neuen deutschen Autoren scheint, und zwar deshalb, weil man in letzter Zeit im In- und Ausland mit ihnen einiges Geld verdienen kann. Um es kurz zu machen: Kumpfmüller las einige Seiten des unfertigen Hampel-Manuskripts mit einigem Erfolg bei einem Literaturwettbewerb, Landwehr übernahm die Vermarktung, und am Ende gab es einen Vertrag und einen Vorschuss, über dessen Höhe in diesen Tagen gerne spekuliert wird. Die Betroffenen äußern sich nicht, die Summe soll sich irgendwo zwischen 100 000 und 200 000 Mark bewegen. Hört sich gut an für einen Erstling, aber Kumpfmüller hat zwei Jahre daran geschrieben, das wäre also selbst im Höchstfall ein Brutto-Jahresgehalt von 100 000 Mark. Kumpfmüller sagt, er verstehe nicht, "warum in Deutschland ein Schriftsteller öffentliches Ansehen gewinnt, wenn er möglichst arm ist".

Wir wollten wissen, woran man merkt, eine schriftstellerische Begabung zu sein. Manchmal kann dies die Art sein, wie man sich einem Thema stellt. Sicher heißt es jetzt zu Recht, "Hampels Fluchten" sei ein erotischer Roman. Es gibt aber noch ein anderes Thema, das die Geschichte durchzieht: der Tod. Da stehen Sätze wie: "Er brachte ihr bis zuletzt die Säfte und das Obst aus fernen Ländern, und gegen Ende wurde sie still und grau und appetitlos und wollte nichts mehr hören, denn was wußten die Lebenden schon von ihrer schweren Arbeit des Sterbens, und daß man sie alle gerne in der Nähe hat, aber wenn es ernst wird, ist man lieber allein, nimmt Anlauf und bringt es hinter sich, und was immer dann kommt, ähnelt womöglich dem Paradies nicht, aber besser als diese Hölle ist es allemal." Man ahnt, dass jemand, der solche Sätze schreibt, sich mit dem Tod beschäftigen musste. Er sagt, Schreiben sei "auch das Bemühen, zu akzeptieren, dass der Tod zum Leben gehört".

Sechs bis acht Stunden habe er jeden Tag geschrieben, zwei Seiten am Tag waren die Norm, spätestens 18 Uhr war Schluss, am Wochenende war frei, "wegen der Familie, und die Distanz tut der Arbeit ganz gut". Er habe innerlich das Buch in "169 Einzelteile" aufgeteilt, das Buch sei also nach einer Art mathematischer Formel konzipiert. Klingt kompliziert, scheint aber zu funktionieren, denn die vielen Zeitsprünge verwirren nicht, sondern vermitteln eine Sogwirkung. Und von was wird das nächste Buch handeln? Vielleicht wird es eine Novelle, sagt er, mehr könne er nicht verraten.

Da Michael Kumpfmüller bekanntlich auf die Wirklichkeit setzt, würde es einen aber nicht wundern, wenn im neuen Werk zumindest am Rande ein Abiturtreffen vorkommt. Genau da war er nämlich neulich, beim 20-jährigen Jubiläum seiner Abiturklasse. Ein Mädchen, inzwischen natürlich Frau, mit Namen Annette Poschenrieder war auch da. Für die hatte er mal einige Zeit geschwärmt. Er hatte ihr Liebesbriefe geschrieben, vor allem einen, einen ganz romantischen, wagemutigen. Und Schüler Kumpfmüller warf ihn nicht in den Briefkasten, schon die Überbringung sollte ein Hammer sein. Er wickelte ihn in einen Schneeball und steckte ihn in die Kapuze ihres Anoraks. Nie hat sie was dazu gesagt. Er hatte sich nicht zu fragen getraut. Bis zum Abiturtreffen. Sag mal, Annette, ist der damals eigentlich angekommen? Ja, sagte sie.

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