Kultur : Handbuch der Gesten: Caligula und der Stinkefinger

Philipp Lichterbeck

Schon der Außenminister Napoleons, Maurice de Talleyrand, wusste: "Das Wort ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen." Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Dafür machen wir uns daran, die non-verbalen Signale des Menschen zu entschlüsseln. Denn ob wir wollen oder nicht, Gesten kehren unser Innerstes nach außen. Der österreichische Psychologe und Kommunikationsberater Georg Feldmann hat ein "Handbuch der Gesten geschrieben", das einen Überblick über die wichtigsten mitteleuropäischen Handgesten geben soll.

In den Zeiten des ökonomischen Diktats soll es selbstverständlich einen hohen Nutzwert haben, und den verspricht es seinen Leserinnen und Lesern: "Sie werden genau erkennen, wann sie Ihr gegenüber begeistern oder langweilen, wann es besser ist, die eigene Zunge zu zügeln, und wann die Chancen für Erfolg im Beruf oder für einen Flirt gut stehen."

Feldmann hat fünfundsechzig Gesten ausgewählt, die uns im täglichen Leben häufig begegnen. Er erläutert dem Leser knapp die Geschichte jeder Bewegung und ihre heutige Bedeutung. So erfährt man, dass der "Stinkefinger" auf den römischen Kaiser Caligula zurückgeht. Um seine Untertanen zu demütigen, streckte er ihnen den Mittelfinger entgegen, den sie küssen mussten. Heute symbolisiert die Geste das gewaltsame Eindringen in den Körper des anderen.

Feldmann legt zudem besonderes Augenmerk auf die unterschiedlichen Lesarten, die eine Geste in verschiedenen Kulturräumen erfahren kann. Ist man beispielsweise in Griechenland oder der Türkei per Anhalter unterwegs, so sollte man es vermeiden, den Daumen wie bei uns üblich aus der geballten Faust nach oben zu strecken. Der Daumen gilt dort nämlich als Phallussymbol und die Geste als Beleidigung.

Um die theoretischen Erklärungen anschaulich zu machen, hat die Schriftstellerin Dodo Kresse jedem Gestentyp eine exemplarische Kurzgeschichte zur Seite gestellt. Die Fabeln sind etwa so anspruchsvoll wie Kurzromane in Frauenzeitschriften. Da das Buch aber ohnehin nicht ernster zu nehmen ist, als der praktische Ratgeber auf populärwissenschaftlichem Niveau, der er nunmal ist, passen sie dann doch wie die Faust aufs Auge.

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