Kultur : Handel mit der Kunst aus Afrika ist ein heikles Geschäft

Katrin Bettina Müller

Für die vergangene Woche eröffnete Ausstellung "Afrika. Kunst und Kultur" hat das Völkerkundemuseum in Dahlem seine größtenteils aus der Kolonialzeit stammenden Bestände um viele Neuerwerbungen ergänzt. Fast vierzig der zweihundert gezeigten Meisterwerke kamen erst in den neunziger Jahren nach Dahlem, um die Kunst bisher kaum vertretener Völker vorstellen zu können: wie die feingeschnitzten Figuren der Sinufe, die mit den Skulpturen aus den alten Königreichen Benin und Ife das Bild der westafrikanischen Kunstgeschichte bereichern.

Im Handel mit der Kunst aus Afrika lauern viele Fallstricke. Da ist zum einen die Frage nach der ethischen Verantwortung, wenn - wie bei den letzten Kriegen im Kongogebiet - Museen ausgeräumt werden und ihre Bestände später im Kunsthandel auftauchen. Die Berliner Museen versuchen, sich an einem solchen Ausverkauf afrikanischer Geschichte und Identität nicht zu beteiligen. Auf der anderen Seite steht die Entwicklung sogenannter airport-art, einer für den Export geschaffenen Souvenir-Produktion, die den authentischen Charakter der traditionellen Formen korrumpiert.

Doch gegen diese beiden Klischees vom Kunsthandel als bösen Buben weiß Hans-Joachim Koloß, Kurator der Ausstellung in Dahlem, ein anderes und produktives Bild von der Rolle des Handels für die Erforschung afrikanischer Kunst zu entwerfen. Das beginnt bei den ältesten Teilen der Sammlung, die aus den brandenburgischen Schatzkammern ins Völkerkunde-Museum kamen: Die afro-portugiesichen Elfenbeinarbeiten wurden zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert als "Souvenirkunst von allerhöchster Qualität" von afrikanischen Schnitzern für europäische Auftraggeber geschaffen und als königliche Schätze aufbewahrt. Die Motive von Weltkugeln und Tauen verraten den Einfluß der seefahrenden Portugiesen.

Einen Grundstock für die Dokumentation der afrikanischen Kulturen lieferten denVölkerkundlern in Dahlem die 700 Werke, die der berühmte Afrika-Forscher Leo Frobenius 1904 an das Museum verkaufte. "Lange glaubte man", so Koloß, "dass er diese Sammlung auf seinen Reisen erworben hätte. Erst im Zusammenhang mit unserer Ausstellungsvorbereitung hat sich herausgestellt, dass er sie über zehn Jahre lang als privater Sammler in Europa zusammengetragen hat und erst mit dem Erlös aus ihrem Verkauf seine erste Expedition nach Afrika bestreiten konnte." Bisher wird die Rolle des Handels unterschätzt, der bereits Ende des letzten Jahrhunderts gut organisiert war, auch wenn viele der Masken und Figuren noch nicht unter dem Aspekt Kunst gesehen wurden.

Eine Besonderheit der jetzigen Ausstellung ist ein großes Ensemble von Masken und Gewändern, die im Kameruner Grasland bei den großen Totenfesten benutzt wurden. Diese Tradition ist noch absolut lebendig", weiß Koloß, der die Gruppe von einem Forschungsprojekt mitbrachte. "Ich habe sie allerdings nicht von Maskenbesitzern. Die erworbenen Masken waren schon ausgemustert und standen bei einem Händler zur Verfügung. Allein in Oku gibt es tausend solcher Masken, im ganzen Grasland bis zu 20 000. Da ist der Kauf keine Sünde." Denn trotz ihrer schönen und vielfältig differenzierten Züge gehören diese Masken nicht zu den mächtigsten, wie sie für die Verfolgung von Hexen gebraucht werden. "Kunst markiert nicht unbedingt die wichtigen Dinge. Der wichtigste Stuhl eines Königs kann vollkommen unverziert sein; nichts verrät seine Bedeutung", erklärt Koloß.

Vor kurzem berichtete "TGV-Express", einer der wenigen Filme, die aus Afrika in Berliner Kinos kommen, ganz nebenbei die Geschichte von zwei Ethnologen, die von einem westafrikanischen Stamm als Geiseln genommen werden, um ihren geraubten Fetisch aus einem französischen Museum zurückzubekommen. Was der Film als lapidare Komödie beschreibt, kann die lebendigen Traditionen sehr empfindlich treffen. Als Beispiel nennt Koloß zwei Figuren aus dem Königreich Kom, dem Nachbarland von Oku, die Anfang des Jahrhunderts ins Museum kamen. Die lebensgroßen Statuen von König und Königin bilden die Rücklehnen zweier Stühle mit einer sakralen Aura. Von drei verwandten Statuen, die bis heute nur bei der Inthronisation des Königs öffentlich gezeigt werden dürfen, wurde in den sechziger Jahren eine gestohlen. "Das war eine Katastrophe, alle Unglücke und Todesfälle wurden auf die Abwesenheit dieser Figur zurückgeführt." Sie war an einen amerikanischen Privatsammler verkauft worden und wurde bei einer großen Kamerun-Ausstellung an der Ostküste auf dem Katalog abgebildet. "Da wußte man in Kamerun, wo die Figur geblieben war." Nach langen Verhandlungen wurde sie 1975 zurückgegeben: ein großer Tag für Kamerun, der mit einer Sonderbriefmarke gefeiert wurde.

In Amerika, Belgien, Frankreich und der Schweiz hat das Sammeln afrikanischer Kunst eine längere Tradition als in Deutschland. Brüssel, Paris, New York und London bilden die Zentren des internationalen Kunsthandels. So ist es für Koloß auch unverständlich, dass auf deutschen Messen Galerien mit afrikanischer Kunst häufig ausjuriert werden. In einem großen Kabinett thematisiert die Ausstellung in Dahlem die Rezeption der afrikanischen Kultur durch Künstler des Expressionismus und Kubismus. Rudolf Wacker, Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein und Emil Nolde gehörten zu den Besuchern, die sich im Berliner Völkerkundemuseum Anfang des Jahrhunderts den Mut für eine neue Formensprache holten.Museum für Völkerkunde Berlin-Dahlem, Lansstraße 8, Dienstag bis Freitag 10-18 Uhr.

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