Kultur : Handke hat’s

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Jörg Plath über die neueste Segnung des Literaturbetriebs

The first cut is the deepest, weiß ein Popsong. Der erste Schritt ist der wichtigste, meinte Voltaires Zeitgenossin Marquise du Deffand. Und auch der Volksmund glaubt an das erste Mal, diesen zarten Keim der Zukunft.

Darf man den sehr unterschiedlichen, doch erstaunlicherweise sehr übereinstimmenden Autoritäten trauen, dann ist vom „Siegfried-Unseld-Preis“ einiges zu erwarten. Der Preis, den der Suhrkamp-Verleger und seine Ehefrau Ulla Berkéwicz kurz vor Unselds Tod im Jahr 2002 gestiftet haben , wird in diesem September erstmals verliehen, und zwar an Peter Handke. Für den Suhrkamp-Autoren entschied sich eine Jury aus den acht Suhrkamp-Autoren Ulrich Beck, Rainald Goetz, Durs Grünbein, Norbert Gstrein, Christoph Hein, Angela Krauß, Thomas Meinecke und Ralf Rothmann, die unter Vorsitz der Suhrkamp-Autorin und Suhrkamp-Verlagschefin Ulla Bérkewicz sowie des Suhrkamp-Lektors Raimund Fellinger beriet. Es ist, das darf man schon nach einem kurzen Blick auf diese intime Personenkonstellation sagen, eine bestrickend logische Entscheidung. Sagen wir es mit einem einschlägigen Buchtitel, auch wenn dieser nicht im Suhrkamp Verlag erscheint: „Du bist okay, ich bin okay.“ Die Jury hat sich nicht beirren lassen von der herrschenden Unübersichtlichkeit der Literaturszene, sondern sich im eigenen Haus umgesehen. Sie mochte nicht unter ihr Niveau gehen. Sie bietet der Political Correctness die Stirn und zeichnet jenen Mann als „literarischen Nomaden“ aus, der den vor dem Internationalen Gerichtshof angeklagten Slobodan Milosevic wortreich verteidigte. Und dass zudem das Preisgeld von 50000 Euro in der Suhrkamp-Familie verbleibt, ist in diesen harten Zeiten auch nicht zu verachten.

Die Preisverleihung am 28. September ist also eine in jeder Hinsicht in die Zukunft weisende Sache. Sie zeigt, dass im Suhrkamp Verlag noch immer die frühen Texte über die Kulturindustrie gelesen werden (Adorno!). Das Kennzeichen der Kulturindustrie ist es ja, das Immergleiche als Neues zu verkaufen. Manche nennen es etwas gröber: die immer gleiche Sau durchs Dorf (auf die Titelseiten, in die Talkshows) treiben. Daher erhält Handke, der außer mit dem Nobelpreis schon mit jedem Literaturpreis prämiert ist, auch noch diesen. Man muss darin den zarten Keim jener Kultur sehen, mit der Ulla Berkévic die Suhrkamp-Kultur ausdrücklich ablösen will: die „Unseld-Kultur“.

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