Kultur : Handke trifft Milosevic

Eine

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von Gregor Dotzauer

Die Wahrheit der Dichter ist eine andere als die der Journalisten. Im einen Fall geht es, grob gesprochen, um eine innere Erfahrung, im anderen um äußere Verhältnisse. Die Textsorten unterscheiden sich deshalb durch Sprache, Perspektive und die Mitteilbarkeit des Dargestellten. Aber da, wo Dichter und Journalisten sich auf dieselbe Wirklichkeit beziehen, wäre es unsinnig anzunehmen, Dichter könnten Journalisten widerlegen. Nur Peter Handke scheint diesem Glauben anzuhängen und hat für das am Freitag erscheinende Heft der „Literaturen“ eine 20seitige „Reiseerzählung“ verfasst, die eine höhere Gerechtigkeit für den früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic fordert, als sie ihm das UN-Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag widerfahren lassen wird.

„Die Tablas von Daimiel – Ein Umwegzeugenbericht zum Prozess gegen Slobodan Milosevic“ erzählt unter anderem von einem gut dreistündigen Besuch bei Milosevic im Gefängnis von Scheveningen und endet in den Tablas, einer zur Torfsteppe verkommenen Landschaft in der spanischen Mancha, die als Allegorie des verschwundenen Jugoslawien dient. Der Form nach eine Selbstrechtfertigung, warum er, Handke, nicht als von Milosevic benannter Zeuge der Verteidigung auftreten will, funktioniert der Text zugleich als Anklageschrift gegen die Welt mit viel Schaum vor dem Mund. Das ist seine Doppelstrategie: die Auseinandersetzung verweigern, aber sie bestimmen wollen. Posieren als Dichter, agieren als Journalist.

Handke will nicht darüber reden, dass er Milosevic „zwar ganz und gar nicht für ,unschuldig’ halte (das ist nicht meine Sache)“, aber er betont, dass Milosevic „nicht schuldig im Sinne der Anklage“ sei: „Ich bin zuinnerst überzeugt, dass das Welt-Tribunal, wie es da tagt (und tagt) im Saal eins der einstigen Haager Wirtschaftskammer, (...) von Anfang, Grund und Ursprung falsch ist und falsch bleibt und das Falsche tut und das Falsche getan haben wird – dass es (es speziell) zur Wahrheitsfindung kein Jota beiträgt.“

Das Problem ist nicht Handkes Meinung. Womöglich könnte er mit seinen Geschichts- und Landeskenntnissen tatsächlich zur Erklärung eines Charakters beitragen, der unter Verbrecherklischees erstickt. Genauer hinzusehen hat noch nie geschadet. Handke aber tut das Gegenteil. Es ist nicht das Lyrische, das seinen Text untergräbt: etwa der einzelne Grashalm vor Milosevics Bürofenster. Es ist das Vage und Gleichmacherische: in der Deutung der Ereignisse als „Höllenmaschine“ von tragischer Unausweichlichkeit – und im ständigen „Ungefähr so“, mit dem er Zeitungsschlagzeilen, Stellungnahmen und Anekdoten anführt, gebrochen durchs Hörensagen oder die eigenen Erinnerungslöcher: Schon Milosevics Kleidung zu beschreiben, überfordert ihn. Auch Dichtung will eben Präzision. Wie soll man Handke da erst im Gedanklichen trauen? Journalismus ist falsifizierbar, Dichtung wird „nur“ unwahr. Das Versagen auf beiden Gebieten aber, das schon Handkes letztes Serbien-Pamphlet „Rund um das Große Tribunal“ prägte, ist eine Katastrophe. Peter Handke gehört nun endgültig zum „dichterisch-militärischen Komplex“, wie der Slowene Slavoj Zizek in Bezug auf den Österreicher einmal sagte. Etwas Schlimmeres kann einem Schriftsteller, der auf die Unbestechlichkeit seiner Vision hält, nicht passieren.

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