Kultur : Handstreichungen

Wer hätte das gedacht, bei einem Kultursenator von der PDS! Die Berliner Off-Szene streitet mit Thomas Flierl erbittert um ihr Überleben. Und öfter, als einem lieb sein kann, wird man derzeit an Worte Peter Radunskis erinnert: Der CDU-Senator mit der längst legendär langen Amtszeit (5 Jahre!) wurde nicht müde, von den großen Staatstheatern eine Konzentration auf ihre "Kernkompetenzen" zu fordern, also auf die großen Produktionen für die Hauptbühnen.

Doch was tun die beiden neuen Berliner Musiktheater-Leiter, Andreas Homoki von der Komischen Oper und Peter Mussbach von der Staatsoper Unter den Linden, im Mai 2002? Sie verkünden in ihren Saison-Pressekonferenzen stolz, dass sie in Zukunft jede Menge Nebenspielstätten mit kleinen Produktionen junger Regisseure bestücken wollen. Und als wäre die missliche Sache abgesprochen, erklärt Radunskis Nach-Nach-Nachfolger Thomas Flierl parallel, für die Zeitgenössische Oper Berlin sei entgegen allen Empfehlungen des Privattheater-Gutachtens kein Geld mehr da. Zudem bekommen die Sophiensäle, zweifellos die innovativste Off-Spielstätte Berlins, mal eben 215 000 Euro weniger als versprochen.

Gutachten? Missachten!

Sieben süße Monate währte für die beiden Teams der Traum vom Aufstieg in die vierjährige Konzeptförderung ab 2003 - als Anerkennung ihres aus dem finanziellen Nichts aufgebauten künstlerischen Erfolges. Drei Fachleute aus der Kulturszene hatten im Auftrag des Senats die Berliner Privattheaterszene evaluiert und ein Ende der Subventionen für Heribert Sasses Steglitzer Schlossparktheater sowie das Moabiter Volkstheater Hansa vorgeschlagen - um Mittel freizubekommen für die neuen, die aufstrebenden Kräfte der hauptstädtischen Kulturlandschaft. Offenbar eine Illusion, wie sich nun zeigt. Die Expertenkommission ist desavouiert. Die Reform, über die etliche Jahre debattiert wurde, abgeblasen.

Denn der Regierende Bürgermeister hat sich eingemischt. Klaus Wowereit setzte das Prinzip "Durchlässigkeit" mit dem so genannten Tempelhofer-Handstreich außer Kraft, jener gefürchteten Provinzpolitiker-Geste, die ohne Rücksicht auf Verluste für seine Stadt postuliert: So lange es Institutionen gibt, die Defizite machen, wird es keine Neuförderung anderer Gruppen geben!

Wowereits Veto

Bei einer hitzig geführten Podiumsdiskussion zur Off-Theater-Förderpolitik im Hebbel-Theater erwähnte Thomas Flierl den Skandal nur in einem vernuschelten Nebensatz. Dass er im Kampf um seinen Etat Niederlagen würde hinnehmen müssen, war ihm klar - darum lehnt Flierl auch jede Rücktrittsforderung ab. Dass der Senat ihm am vergangenen Dienstag kurzerhand aufdrückte, binnen zweier Tage weitere Sparleistungen zu definieren - auch damit kann er leben. Dass aber der Regierende Bürgermeister, der ja seinen Aufstieg zu einem nicht geringem Teil seiner früheren kulturpolitischen Aktivität verdankt, mit Verweis auf verkrustete Strukturen in den Staatsbetrieben neue Entwicklungen blockiert, schien dann endlich auch Flierl peinlich.

Von einem zornigen Publikum bedrängt, versuchte sich der Kultursenator am Montagabend umständlich herauszureden, verwies immer wieder auf die Möglichkeit, bis zur Verabschiedung des Haushaltes am 27. Juni ließen sich die erzwungenen Entscheidungen noch korrigieren.

Olaf Zimmermann, der Vorsitzende des Deutschen Kulturrates, hatte da eine Idee: Wie wäre es, wenn Berlin nach dem erfolgreichen, nicht so ganz legalen Rückzug aus dem Museumsinsel-Projekt mit einem Paukenschlag auch noch die Mittel für eine weitere, restlos renovierungsbedürftige Einrichtung in Berlins Mitte fallen ließe, die Staatsoper zum Beispiel - nur mal zum Test. Um zu sehen, wie der Bund reagiert.

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