Kultur : Handtaschen

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LESEZIMMER

Rainer Moritz ergründet das Geheimnis von Mann und Frau

Dass die menschlichen Geschlechter oft Probleme haben, ihre Bedürfnisse und Empfindungen aufeinander abzustimmen, ist keine neue Erkenntnis und hat seinen Ursprung im Paradies, als Uneinigkeit darüber herrschte, wie mit dem dort angebauten Obst umzugehen sei. „Männer und Frauen passen nicht zusammen“ – diese Binsenweisheit lässt sich unter immer neuen Gesichtspunkten betrachten, zumal sich die offenkundig divergierenden Geschlechter bis heute nicht dazu durchringen konnten, ihre Inkompatibilität resignierend anzuerkennen und sich anderen Lebensformen zuzuwenden.

Wenn sich etwas als Dauerbrenner erweist, profitiert auch der Buchmarkt und erduldet es klaglos, alle Halbjahre wieder mit Aufgewärmtem zum Thema konfrontiert zu werden. Das Geheimnis von Mann und Frau zu ergründen, damit lassen sich Bestsellerplätze im Sturm erobern, und wo einer erfolgreich war, sind seine Nachbeter nicht fern. Das Ehepaar Allan und Barbara Pease zum Beispiel: Ihre Bücher „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ oder „Warum Männer lügen und Frauen immer Schuhe einkaufen“ dürften mittlerweile auf jedem zweiten deutschen Nachttisch liegen, und vor allem partnerschaftgestählte Leserinnen feiern diese kurzweiligen Aufklärungsschriften als Erweckungserlebnisse, als „Pflichtlektüre für Mann und Frau!“

Rückwärts einparken

Ein Ende dieser Welle ist nicht abzusehen, ja, auf ihr schwimmen bereits Titel, die sich als Antwort auf das Pease-Doppel verstehen: Claudia Quaiser-Pohl, Psychologin, und Kirsten Jordan, Neurobiologin, legen im Verlag C.H. Beck mit „Warum Frauen glauben, sie könnten nicht einparken – und Männer ihnen Recht geben“ nach, und in wenigen Wochen wird es auch auf diese Betrachtung eine Replik geben, die vielleicht „Warum Männer samstags die Sportschau und das Aktuelle Sportstudio sehen müssen und Frauen immer noch meinen, Abseits nicht zu verstehen“ heißt.

In vielen der Schriften, die die wunderbaren Gegenwelten von Frau und Mann besichtigen, darf die Handtasche nicht fehlen. Sie zählt zu jenen Accessoires des täglichen Lebens, die Männern herzlich egal und Frauen essentiell ist. Es lag folglich auf selbiger Hand – ja, man muss von einem Desiderat sprechen –, sich diesem brisanten Sujet in einer umfassenden Studie zu widmen. Die Literaturagentin Annette C. Anton, die auch mit einer Dissertation zur Briefkultur im 18. Jahrhundert hervortrat, hat diese Lücke erkannt und vor kurzem im Eichborn Verlag „Das Handtaschenbuch“ veröffentlicht, das sich – so der Untertitel – mit „Frauen und ihren ständigen Begleitern“ beschäftigt.

Keine Frage: Frau Anton weiß, was Frauen wünschen und denken. Vergnüglich und lehrreich lesen sich ihre Betrachtungen, die in Alltagsbeobachtungen ihren Anfang nehmen, vor empirischen Feldforschungen nicht zurückschrecken und eine Kulturgeschichte der Handtasche liefern, für die wir die Unzahl anderer Kulturgeschichten, die wir in den letzten Jahren über uns ergehen lassen mussten, gerne ins Antiquariat geben.

Beischlaf-Utensilienkoffer

„Das Handtaschenbuch“ berichtet vom faszinierenden ersten Mal, will sagen: vom lebenslang währenden Angedenken, das Frauen ihrer allerersten Jungmädchentasche bewahren – ganz unabhängig davon, von welcher Güte oder Schönheit dieses Objekt gewesen sein mag. Der Leser (die männliche Form ist hier bewusst gewählt) erfährt, dass Markenfetischismus für taschenkundige Frauen keine entscheidende Bedeutung hat, die Weltliteratur von Oscar Wilde bis Herta Müller das gute Stück verarbeitete, dass dessen Inhalt geheimnisumwittert wie das Ableben von Lady Di ist und Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ eine Handtaschenbeobachtung zum Angelpunkt des Geschehens macht.

Nicht unerwähnt bleibt das Unbehagen des Mannes, mit handtaschenähnlichen Produkten umzugehen. Jahrzehnte liegt es zurück, dass der oder das „Buko“ (volksetymologisch die Kurzform für „Beischlaf-Utensilienkoffer“) aufkam und Männern weismachen wollte, diese unviril wirkenden Schlenkertäschchen seien ihnen angemessen. Durchgesetzt haben sich diese nur bei Opel-Kadett-Fahrern mit Hut, und bis heute wird der deutsche Spießer – etwa wenn Gerd Dudenhöfer die saarländische Dumpfbacke Heinz Becker gibt – gerne zum Buko-Träger gestempelt. Neuere, coole Trends hingegen, sagt Annette C. Anton, raten Männern, die nicht wissen, wohin mit den Händen, zur salopp-flotten Bowlingtasche. Wäre das, liebe Leserin, nicht ein schönes Geschenk für Ihren Partner?

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