Kultur : "Handys für Obdachlose!": Anschluss gesucht (Kommentar)

Jan-Arne Sohns

"Handys für Obdachlose!", fordert eine Berliner Initiative. Handys für Obdachlose - so pflichten nun auch die Grünen der Hauptstadt bei. Ihr Argument: Mobiles Leben verlangt nach mobiler Kommunikation. Die Berber, die Nomaden der Großstadt, sind ohne Mobiltelefon vom Leben angeblich abgeschnitten. Informationen von den Sozial- und Arbeitsämtern, heißt es, erreichten die Obdachlosen oft zu spät. Bei Anruf Job? Man fordert mobile Kommunikation fürs mobile Leben. Auf sie mit Gebrüll, tönt dagegen gleich der Boulevard, lässt Volkes Stimme im Sommerloch zetern: Diese Obdachlosen, die haben sowieso den ganzen Tag nichts zu tun! Können sich ihre Informationen doch direkt abholen!

Falsch verbunden, alle miteinander. Für ein "menschenwürdiges Leben" sei ein Handy heute unabdingbar, begründen Obdachlose ihren Vorstoß. So führt die Karriere des Mobiltelefons vom Statussymbol zum neuen Menschenrecht. Where I lay my hat is home, das hatten wir schon. Nun also auch, den Wendungen des mobil kommunizierenden Zeitgeistes folgend: Where my mobile rings is home. Die Etymologie aber verrät den Trugschluss. Denn communicare, das hieß einmal "zusammentreten", "etwas gemeinsam tun"; communis steckt darin, "gemeinschaftlich". So wird der Wunsch der Obdachlosen verständlich als Sehnsucht nach Wiedereingliederung, nach Empfang, nach Verbindung. Im Handy - der Deutschen liebstes Kind und ihre ureigene Wortschöpfung - sehen die Obdachlosen den Kontakt zur Gemeinschaft verkörpert, der ihnen sonst verloren gegangen ist. Doch das Telefonnetz ist kein soziales Netz, milliardenschwer versteigerte Mobilfunkfrequenzen sind nur Luftschlösser, als Beziehungsstifter vermarktet von der Telekommunikationsbranche. Dabei fehlt es den Obdachlosen mehr am menschlichen Nahkontakt als an medialen Verbindungen. Ihre Forderung ist so eher ein Missverständnis. Es geht um Anschluss. Nicht nur unter dieser Nummer.

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