Hanna Schygulla in der Gedächtniskirche : Pfeilgenau

Hanna Schygulla in der Gedächtniskirche.

von
Foto: ddp
Foto: ddpFoto: dapd

Nur als konzertante Bühnenmusik war „Le Martyre de Saint Sébastien“ von Claude Debussy bisher zu retten. Zu monströs war das vierstündige Libretto Gabriele d’Annunzios, zu schwülstig auch in der latenten Erotisierung der Leiden des Heiligen. Die Uraufführung 1911 geriet zum Skandal, weil die Tänzerin Ida Rubinstein seinen Part „mit nackten Beinen“ übernahm.

Wenn ihn die große Hanna Schygulla ganz als Sprechrolle ausgestaltet, wenn sie im magisch beleuchteten Dunkel der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche – fast immer den Blicken des Zuschauers entzogen – Worte der leidenden Verzückung raunt, flüstert, stammelt, dann ist auch hier ein erotisches Moment durchaus wahrnehmbar. Doch die Fassung der Sing-Akademie zu Berlin, verschlankt und szenisch eingerichtet von Christian Filips, katapultiert das Geschehen ins Heute, indem es um Wunden geht, die erst heilen können, wenn man sie ansieht. In ihrem großartigen Schlusswort gedenkt Schygulla der Gewalt, die Menschen einander antun um ihrer Überzeugung willen, bis hin zum jüngsten Mord auf dem Alexanderplatz: „Gott ist im Detail.“

Eine Wunde der Stadt ist auch die Gedächtniskirche, deren Glaswände, zusammengesetzt aus Splittern aus Chartres, hier faszinierende Lichtspiele abgeben. Im einfallsreich genutzten Raum hüllen das vorm Altar postierte Sinfonieorchester der Hochschule der Künste, vielfach geteilte Chöre der Sing-Akademie sowie des Staats- und Domchores von den Emporen den Zuhörer in seidige, leuchtende, dunkel aufbrandende und sich in sanften Fluten glättende Klänge. Überirdisch schön schweben die Soprane von Vanessa Barkowski, Olivia Vermeulen und Csilla Csovari darüber.

Dies ist vielleicht Debussys sinnlichste, delikateste Partitur. Der souveräne musikalische Leiter Kai-Uwe Jirka scheut sich nicht, ihr Wunden zu schlagen: Fünf „Intermedien“ der Kompositionsstudenten Benedikt Bindewald, Miika Hyytiäinen, Aziz Lewandowski, Alejandro Moreno und Daniel Puig sind ihr wie Salz eingestreut, widersprechen ihrer Süße mit zumeist dissonant aufgetürmten Orgelklängen (Age-Freerk Bokma), brechen die Ekstase mit nachdenklichem Chorgesang. Ein hochherziger, äußerst kreativer Rettungsakt, der das enigmatische Werk dem Leben öffnet. Isabel Herzfeld

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben