Kultur : Hannah-Arendt-Institut: Schlechte Schlichtung

Stefan Reinecke

Saul Friedländer trat unter Protest aus dem Beirat des Hannah-Arendt-Instituts zurück. Der Historikertag protestierte gegen die Art, wie der sächsische CDU-Kultusminister mit dem Institut umsprang. Vorgestern haben die Professoren der Philosophischen Fakultät der TU Dresden erklärt, dass es eine "unangemessene Durchdringung von politischen und wissenschaftlichen Zielsetzungen" gibt. Im Klartext: Der CDU-Minister Matthias Rößler regiert in Wissenschaftsdinge hinein, in denen Politik nichts zu suchen hat. Genutzt hat all das nichts. Klaus-Dietmar Henke, der liberale Direktor des Instituts, muss, auf Rößlers Betreiben, gehen. Die Erklärung der Dresdner Professoren ist wohl der Schlusspunkt unter eine Affäre.

Schauen wir auf den (geschichts-)politischen Kern des Zwistes. Henke steht für eine wissenschaftlich genaue, unideologische Erforschung von Nazi-Zeit und DDR. Eigentlich eine unangreifbare Position, sollte man meinen. Doch in Dresden gilt das nicht. Das Institut mache zu viel Nationalsozialismus, zu wenig DDR, lautete die Kritik - obwohl die Publikationen des Institutes zeigen, dass dies barer Unsinn ist. Doch Kritikern wie Minister Rößler passte von Beginn an Henkes ganze Richtung nicht. Deshalb wurde ihm mit Uwe Backes ein rechtskonservativer Stellvertreter zur Seite gestellt. Wissenschaftliches Interesse gegen Geschichte als politisch verwendbares Instrument, so lautete die Frontlinie. Eigentlich ist seit 1989 das Bedürfnis eher geschwunden, sich selbst in der Geschichte zu spiegeln und die eigene Gegenwart reflexhaft mit historischen Legitimationen und Abgrenzungen auszustatten. Teilen der sächsischen CDU scheint diese Erkenntnis noch bevorzustehen.

Rößler, Backes & Co haben also gewonnen. Aber was ist das wert? Schaut man auf die Neubesetzung des Beirats, so verrät diese keine scharf-reaktionäre Wende, sondern eher Ratlosigkeit: Mit Angelo Bolaffi und anderen hat man honorige Leute gefunden, allerdings ohne historische Reputation. Das Renommee des jungen Institutes verdankte sich auch der Erforschung der NS-Vergangenheit der Dresdner Bank. Dieses von Henke geleitete Drittelmittel-Projekt ist schon finanziell wesentlich für das Institut. Dass dieses Projekt dort, ohne Henke, ohne Friedländer, bleibt, ist eher unwahrscheinlich.

Was also wird aus dem Institut? Eine Heldengedenkstätte der DDR-Bürgerbewegung, eine Agit-Prop-Organisation zwecks Verbreitung der "Rot gleich Braun"-These? Wie weit die Ideologisierung des Institutes getrieben wird, bleibt abzuwarten. Viel hängt davon ab, wer Henkes Nachfolger wird. Die Dresdner Professoren hoffen, dass Rößler "die wissenschaftliche Unabhängigkeit des Institutes künftig" wahren wird. Als zeitgeschichtliche Forschungseinrichtung hat es jedes Institut, das im Ruch (provinz-)politischer Willfährigkeit steht, sehr schwer. Das ist vor allem das Verdienst des CDU-Ministers Rößler.

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