Kultur : Hannahs stille Schwester

Die Arendt-Forscherin Lotte Köhler ist tot

Thomas Wild

Ihr ist es zu verdanken, dass Hannah Arendt in Deutschland so gegenwärtig ist wie vielleicht nie zuvor. Jahrzehntelang, bis vor wenigen Jahren, betreute Lotte Köhler den Nachlass der 1975 verstorbenen Totalitarismus-Theoretikerin und Autorin der „Banalität des Bösen“. Köhler ermöglichte Bücher, die unseren Blick auf Hannah Arendt nachhaltig veränderten. Arendts Briefe mit zwei ihrer wichtigsten Partner im Denken, ihrem Ehemann Heinrich Blücher und ihrem philosophischen Lehrer Karl Jaspers, legte Köhler in vorzüglich kommentierten Ausgaben vor. Bahnbrechende Editionen wie Arendts zweibändiges „Denktagebuch“ oder die Korrespondenz mit Martin Heidegger begleitete sie kenntnisreich im Hintergrund. Den zahllosen Anfragen von Forschern und Publizisten begegnete Köhler mit unermüdlicher Offenheit. Eine Lebensleistung, die nicht das Titelblatt für sich beansprucht, sondern in einer Fülle von Vorworten und Danksagungen wiederzufinden ist.

Geboren und aufgewachsen in Pommern, emigrierte Lotte Köhler 1955, im Alter von 35 Jahren, aus Münster nach New York. Dort lehrte die promovierte Germanistin ab 1960 am City College deutsche Sprache und Literatur. Die Freundschaft mit Arendt begann kurz nach der Ankunft in der Neuen Welt. Arendt war 1941 auf der Flucht vor den Nazis in die USA gelangt. Noch in Europa hatte Arendt eine Biografie Rahel Levin Varnhagens, der damals kaum bekannten Denkerin um 1800, zu schreiben begonnen. In die Abschlussarbeiten zur Publikation, Ende der 50er Jahre, wurde Köhler eng mit einbezogen.

Bald schon gehörte sie, wie die Verlegerin Helen Wolff oder die Journalistin Charlotte Beradt, zur Freundesfamilie um Arendt-Blücher. Mit dem Schriftsteller Uwe Johnson, der auf gewisse Weise ebenfalls zu diesem Kreis zählte, schrieb Lotte Köhler sich so hinreißende Briefe, dass dieser befreundeten Kollegen wie Max Frisch oder Walter Kempowski empfahl, beim Besuch in New York keinesfalls ein Treffen mit „Professor Lottchen“ zu versäumen.

Freute sie ein Buch, das man ihr geschickt hatte, konnte sie zum Hörer greifen, um die Botschaft sogleich über den Atlantik zu bringen. Missfiel ihr ein Artikel zu ihren Ehren, konnte sie unverdrossen eine ganze Festschrift abblasen. Fragte man sie am Telefon, wie es ihr ginge, konnte sie antworten: „Gut, ich habe mir gerade das Genick gebrochen!“ Aus jener Spontaneität, Unabhängigkeit, Ironie speiste sich die Urteilskraft, mit der Lotte Köhler das schriftstellerische Erbe Hannah Arendts, umsichtig und großmütig, der Nachwelt übergab. Wie erst jetzt bekannt wurde, starb Lotte Köhler am 24. März im Alter von 92 Jahren in New York. Thomas Wild

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