Hanne Darboven : Schreiben heißt bleiben

Die Zeit mitstenografiert: zum Tod der Künstlerin Hanne Darboven.

Nicola Kuhn

Die Künstlerin hat sich ihren eigenen Pantheon geschaffen. Das mag so manchem Besucher der Galerie Deutsche Guggenheim in den Sinn gekommen sein, als Hanne Darboven ihre „Hommage à Picasso“ vor drei Jahren in Berlin präsentierte. So schmal und blass erschien sie damals schon bei der Eröffnung. So fragil wirkte die spröde Anzugträgerin mit dem Kurzhaarschnitt bei der herzlichen Umarmung des jungen Dirigenten Aurélien Bello, der wenige Tage später ihr Opus 60 für 120 Orchestermusiker im Lichthof Unter den Linden uraufführte.

Und doch besaß auch diese Präsentation der bereits schwer kranken Künstlerin eine Energie und Kraft, die es mit dem Jahrhundertkünstler Picasso aufnahm. Dieser übersprudelnde Schöpfergott wurde von der gestrengen Konzeptualistin durch unendliche Perpetuierung eines geometrischen Musters aus dem Gewand seiner „Sitzenden Frau in türkischer Tracht“ auf Linie gebracht. Darboven hatte es für die Gestaltung der Bildrahmen aufgegriffen, in denen sie ihre 9720 handgeschriebenen Kalendariumsblätter vom letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts bis unter die Galeriedecke hängen ließ. Plötzlich erschien der Bauchmaler Picasso berechenbar, das durchdeklinierte Werk der Minimalistin dagegen poetisch in einen Schwebezustand erhoben.

Wer an Hanne Darbovens Werk denkt, dem steht als Erstes ihre unglaubliche Disziplin vor Augen, das Beharrungsvermögen, aber auch der zauberische Beschwörungsmoment, der allen ihren Arbeiten innewohnt. Mit ihrem über vier Jahrzehnte manisch niedergeschriebenem Diarium schuf sie ein Monument der verrinnenden Zeit. Von diesem Spannungsverhältnis zwischen präzisen Zahlen und einer suggestiven Emotionalität nährte sich ihr Lebenswerk, das Mitte der sechziger Jahre in New York seinen Ausgang nahm und seither seine extreme Stringenz entwickelte. Nach dem Studium an der Hamburger Akademie ging die 1941 geborene Tochter einer hanseatischen Kaffeedynastie in die Vereinigten Staaten. Dort begann sie ihre Zahlenkolonnen zu schreiben. Erst durch die Begegnung mit Sol LeWitt und Carl Andre, den Begründern der Minimal Art, gewann ihr skripturales Exerzitium einen größeren Rahmen. Seitdem galt sie als wichtigste deutsche Vertreterin dieser internationalen Strömung. Mehrfach war sie auf der Documenta vertreten, 1982 gestaltete sie in Venedig den Deutschen Pavillon, ihr Werk ist in allen großen Sammlungen vertreten.

Das Prinzip scheint einfach, Zahl auf Zahl baut es sich auf (zum Beispiel 3 5 7 5 3) und variiert sich immer weiter. Zur Besonderheit gehört die schiere Masse, die Unüberschaubarkeit. Die teilweise mehrere tausend Blatt umfassenden Serien zeugen von einer Sisyphosarbeit, einem nicht zu vollendenden Werk. Gerade die in den frühen Jahren entstandenen Reihungen auf Millimeterpapier besitzen eine hohe zeichnerische Qualität, die sie auf dem Kunstmarkt hoch begehrt machen. „Ich verweigere Ausdrucksformen, ich vermittle streng formalistisch“, erklärte Darboven ihr Vorgehen, nachdem ihr malerisch schon alles gesagt schien. Nach den gleichen Prinzipien entwickelte die Künstlerin auch ihre musikalischen Kompositionen. Aus den Zahlen 1 bis 9 sowie aus den zehn Ziffern, die man zum Datumschreiben benötigt, zog sie jeweils deren Quersumme und übersetzte sie in Töne.

Nach ihrer Rückkehr aus den USA Ende der sechziger Jahre öffnete Darboven ihr Werk und bezieht auch Gedichte ein, erst 2008 zeigte der Hamburger Bahnhof ihre Rilke-Hommage „Fin de Siècle“. In den Siebzigern weitete sie den Horizont ihrer scheinbar intentionslosen Zahlenreihen aus. Politische Themen fließen ein, die durch collagenartig eingefügte Fotos, Postkarten, Zeitungsausschnitte sichtbar werden. Durch Bezugnahme auf das Dritte Reich, Fragen zur Atomkraft, dem Völkerrecht suchte die Einzelgängerin, die zurückgezogen im Familiensitz bei Hamburg-Harburg inmitten eines eigenwilligen Trouvaillenkosmos aus Puppenstuben, Porzellantieren, Gläsern, Aschenbechern, Vitrinen, Büchergestellen und Skulpturen lebte, mit ihrer Kunst auch eine aufklärerische Dimension.

Als Okwui Enwezor sie 2002 für die Documenta 11 das Entree des Kasseler Fridericianums gestalten ließ, galt diese Verbeugung jedoch der großen Gezeitenleserin. Drei Stockwerke hoch füllte sie mit ihren tausenden handbeschriebenen, holzgerahmten Blättern die vierzig Meter breite Apsis – als wäre sie ein gigantisches, ruhendes Metronom, das gerade die Vergänglichkeit aller Kunst anmahnt. Am Montag ist Hanne Darboven im Alter von 67 Jahren gestorben.

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