Kultur : Hanns-Eisler-Chor: Der Krieg tanzt Walzer

Isabel Herzfeld

Wer wagt, gewinnt! Die Berliner Erstaufführung eines äußerst originellen französischen Chorwerkes blieb einem Laienchor vorbehalten: dem Hanns-Eisler-Chor, der nun schon fast 30 Jahre lang mit aussagekräftigen Programmen im Sinne seines Namenspatrons "gegen die Dummheit in der Musik" antritt. Lili Boulangers "Vieille prière bouddhique" ("Altes buddhistisches Gebet") ist ein bewegender Friedensappell, mitten im ersten Weltkrieg geschrieben, in welchem sich die schwer lungenkranke 23-Jährige karitativ engagierte. Ihre Bitte um Freiheit und Glück für alle Lebewesen kleidet sie in ebenso einfache wie exotische Klänge: Über der sanften Grundierung von Harfe und Fagott, sehr suggestiv in weiteren instrumentalen Farbwechseln, erheben sich die immer gleichen modalen Melismen. In homogener Einstimmigkeit entwickelt der Chor überzeugende Spannung vom ersten geheimnisvollen Raunen bis zum leidenschaftlichen Aufschrei, von Jörg Brückners strahlkräftigem Tenorsolo aufgehellt. Mit dem Akademischen Orchester Berlin gibt Andreas Schüller behutsam unterstützende wie anfeuernde Impulse. Eine in lapidarer Kürze sehr eindringliche und für ihre Zeit radikale Musik, die neugierig etwa auf die Psalmvertonungen der frühvollendeten Komponistin macht.

Ihr "Spätwerk" weist in manchem auf Artur Honegger voraus - folgerichtig stand dessen "La danse des morts" (Totentanz) auf dem Programm, auch dies eine lohnende Begegnung. Die Komposition von 1940 zieht nach dem eher weichen Boulanger-Auftakt alle Register des Monumentalen, Grellen und Grotesken. Sprecher Klaus Kowatsch zieht in den Bann des gespenstischen Textes von Paul Claudel; der Chor tut sich in sanftem Choralgesang, ironisch eingeblendeten Volks- und Revolutionsliedern im Walzertakt durch hervorragende Artikulation und eine breite Ausdruckspalette bis zum irrsinnigen Glissando-Auflachen hervor. Neben der Sopranistin Bin Lee und dem Bariton Assaf Levitin besticht Elisabeth Umierski mit warmer Altstimme. Der Dirigent entlockt seinem Orchester so manches Glanzlicht und hält souverän alle Fäden in der Hand - keine Kleinigkeit bei der Über-Komplexität dieser Musik. Und wenn der zwar "akademische", aber nicht "professionelle" Klangkörper bei Tschaikowskys Sechster dieses Niveau nicht ganz halten kann - der freundliche Beifall in der Philharmonie gilt dem nicht weniger.

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