Hanns Zischlers Prosa-Debüt : Im Süden viel Neues

Hanns Zischler ist hauptberuflich Schauspieler, doch er schreibt auch Bücher, übersetzt und fotografiert. Jetzt erscheint seine erste Erzählung „Das Mädchen mit den Orangenpapieren“.

Nicole Henneberg
Papier als Leidenschaft. Der Schauspieler und Autor Hanns Zischler.
Papier als Leidenschaft. Der Schauspieler und Autor Hanns Zischler.Foto: IMAGO

Papier ist ein ganz besonderer Stoff: zuverlässiger und glaubwürdiger als jeder andere, unverwüstlicher und eigensinniger überdies. Vom Zeitungsschnipsel bis zum Folianten, von der Landkarte bis zur Zeichnung leitet es, offen oder versteckt, Ideen von einem Menschen zum anderen. Kein anderes Material – außer Stein – überspringt so mühelos die Jahrhunderte. Und keines beschäftigt die Fantasie intensiver.

So ist es nur konsequent, dass der leidenschaftliche Büchersammler, Übersetzer, Essayist und Herausgeber Hanns Zischler das Papier zum heimlichen Helden seiner ersten Erzählung gemacht hat – in seinen dokumentarischen Büchern hatte er das längst getan, von den „Vermischten Nachrichten für James Joyce“ bis hin zum „Schmetterlingskoffer“.

Die sprachgenaue, federleichte Erzählung „Das Mädchen mit den Orangenpapieren“ spielt im Herbst 1958 im fiktiven bayerischen Örtchen Marstein, unweit des Chiemsees. Elsa hat es nach dem Tod der Mutter mit ihrem Vater hierher verschlagen, und für das in Dresden aufgewachsene Mädchen fühlt sich alles fremd an: der Dialekt, die Berge, die Schule in einem Schloss, das gleichzeitig Internat ist, die kahle Neubauwohnung. Die heranwachsende Elsa ist eine empfindsame und äußerst genaue Beobachterin, wobei ihre Detailbesessenheit noch durch die von der kranken Hüfte erzwungene Langsamkeit verstärkt wird. Während ihres einsamen Schulweges vertieft sie sich widerwillig in die glatten, baumlosen Kanten ringsum, in die gewaltigen Brocken und Schründe, an denen ihre Augen keinen Halt finden, „alles stürzt“. Es ist keine freundliche Welt, in die sich das Mädchen versetzt sieht, und zeitweise fühlt sie sich wie Robinson Crusoe, gestrandet auf einer unwirtlichen, vielleicht sogar von wilden Tieren bewohnten Insel. Nur ihren nachdenklich-verschmitzten Lehrer Kapuste mag sie. Dieser bringt sie auf die verrückte Idee, Orangenpapierchen zu sammeln. Sie werden nicht nur ihr Zugang zu der neuen Welt ringsum, sondern sind auch lauter fliegende Teppiche, die sie bis nach Sizilien und auf den Ätna tragen, aber auch zurück nach Dresden.

Hans Zischlers Geschichte erzählt von Sehnsucht nach Nähe in harten Zeiten

Diese dramatisch bunten, mit mythischen oder märchenhaften Gestalten und Naturwundern bedruckten kleinen Kunstwerke waren ursprünglich zum schnellen Gebrauch bestimmt. Sie erzählten, wie die faits divers der Zeitungen, geheimnisvolle oder krude Geschichten und umhüllten einen Schatz: Südfrüchte waren selten und kostbar, es gab sie meist nur zu Weihnachten. Wie nebenbei künden Details wie dieses von der gerade überstandenen Not, und auch die deutlich zu alten Lehrer oder der einarmige, erschöpfte Hausierer, den Elsa und ihre neue, englische Freundin bewirten.

Die zarten, eigentlich zum Wegwerfen bestimmten Papierchen erscheinen wie ein Sinnbild der prekären, brüchigen Leben im Dorf. Fast alle sind entwurzelt, und die Heranwachsenden, wie der Bauernsohn Pauli, in den Elsa sich verliebt, haben dafür ein besonderes Sensorium. Vieles wird nur angedeutet in Zischlers klug gebauter Geschichte, die von der Sehnsucht nach Nähe in harten und kalten Zeiten erzählt und dabei von überwältigenden Abenteuern, auch wenn äußerlich nichts Spektakuläres passiert. Zischler verlässt sich auf den Eigensinn der scheinbar banalen Dinge, auf den einer Seife oder eines harmlosen Verbotsschildes. Und wie das durchscheinende Seidenpapier die Früchte gleichzeitig schützt und ausstellt, betont die raffinierte Unauffälligkeit, hinter der er seine Figuren versteckt, das Toben der Gefühle in ihnen noch. Erst auf einer Ballonfahrt verlieren Pauli, Elsa und Saskia, jeder auf seine Weise, endlich die Fassung – eine sparsam instrumentierte, eindrucksvolle Szene.

Das Papiertheater, das Elsas innere Erstarrung löst, wird begleitet und intensiviert durch die Bildungseindrücke, die in dieser pädagogischen Provinz auf sie einstürmen. Ihr Lieblingslehrer Kapuste wird für sie lebenswichtig durch seine emphatische Art, ihre Intelligenz herauszufordern, und mit Saskia halten die englische Poesie und das raumgreifende White Horse aus Wiltshire Einzug in Elsas Leben. Lauter Welteroberungen, von denen Hanns Zischler als geistigen „Robinsonaden“ erzählt – ihr geheimer Kompass besteht in seiner Begeisterung für den italienischen und englischen Sprachklang.

Hanns Zischler: Das Mädchen mit den Orangenpapieren. Galiani Verlag, Berlin 2014.112 Seiten, 16,99 €

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