Kultur : Hans Frankenthal über das Leben in der deutschen Kleinstadt Schmallenberg nach 1945

Sören Harms

Wenige überlebten, und die meisten kehrten nicht zurück in das Land, wo der Tod ein Meister war. Hans Frankenthal aber reiste 1945 ins Sauerland, gemeinsam mit seinem Bruder Ernst. Mit ihnen kehrten fünf Juden in die Kleinstadt Schmallenberg zurück - Anfang der 30er Jahre hatten noch vier Dutzend Juden hier gelebt. "Verweigerte Rückkehr" hat Frankenthal seine Erinnerungen benannt. Die Verweigerung ist eine doppelte: Die Stadt befasste sich nicht mit dem Schicksal der ehemaligen KZ-Häftlinge, lautlos sollten sie sich eingliedern. Die Frankenthals wiederum, Jahrgang 1923 und 1926, kehrten in die Stadt der Mörder ihrer Verwandten zurück, damit war dieser Ort nicht der ihrer Kindheit. Frankenthals Buch ist der neueste Band der "Lebensbilder"-Reihe, die der Berliner Historiker Wolfgang Benz im S. Fischer Verlag herausgibt.

Dort wurde öfter das vieltausendfach Erlebte beschrieben, auch Frankenthal schildert es: das systematisch verschärfte Heraustrennen der Juden aus der Gesellschaft. Zwei Jahre Zwangsarbeit im Straßenbau. Ab März 1943 Häftling in Auschwitz-Monowitz, Zwangsarbeit für die Buna-Werke der I.G. Farben. Todesmarsch ins thüringische KZ Mittelbau-Dora, die Befreiung von Theresienstadt durch die Rote Armee. (Ein ausführliches Glossar hilft erfreulicherweise Menschen, die sich bislang nicht eingehend mit dem Thema beschäftigten.) Die "Erfahrungen nach dem Judenmord", die der Untertitel ausweist, sind jedoch ebenfalls aufgezeichnet. Sie geben Einblicke in bundesrepublikanische Kleinstadt-Wirklichkeit: Kein Schmallenberger fragt nach Frankenthals Eltern. Die Entnazifizierung gerät ebenso zur Farce wie ein Mahnmal, das zur obligaten Bewältigung aufgestellt wird. Die "arisierten" Güter werden, wenn überhaupt, nur missmutig zurückgegeben, ohne Ansatz von Schuldbewusstsein. Frankenthal erhält eine "Wiedergutmachung" von einmaligen 10 000 Mark. Auch von dieser Seite gewinnt das Buch einen aktuellen Bezug: Bislang zahlte Volkswagen etwa 700 Zwangsarbeitern eine solche Summe. Von Bayer bis Allianz, von Daimler bis Siemens fehlen derartige Zusagen bislang. Seit sieben Tagen - und einem halben Jahrhundert - ist die Frist überschritten, die sich die Unterhändler gesetzt hatten, um die sogenannte "Entschädigung" der Zwangsarbeiter zu regeln.

Es ist traurig und gut, dass Frankenthal, heute Mitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland, seine Erinnerungen über 1945 hinaus aufzeichnen ließ. Sicher befindet sich darunter mancher Fehlgriff des heute 73-Jährigen. So halte er, obwohl heute in Dortmund lebend, seinen ersten Wohnsitz weiterhin in Schmallenberg - er wolle nicht am Ortseingang der Kleinstadt ein großes Plakat lesen: "Schmallenberg ist judenrein!" Die bitteren Urteile, da pauschal gefällt, lesen sich mitunter schwer. Doch Walsers Klagelied von der "Monumentalisierung unserer Schande" greift nicht: Frankenthal hat keine Wahl. Nur der "Roman eines Schicksallosen" kann 1945 enden.Hans Frankenthal: Verweigerte Rückkehr. Erfahrungen nach dem Judenmord. Frankfurt: Fischer Taschenbuch, 18,90 Mark. Frankenthal liest heute (7. 9.) um 20 Uhr im Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestraße 125.

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