Kultur : Hans-Georg Gadamer: Am Anfang war der Bote

Manfred Riedel

Philosophen, so hat Nietzsche gemeint, sind Menschen des Morgen, die sich mit dem Heute in Widerspruch befinden. Sie müssen sich in und vor der Zeit verantworten, und das heißt: wissen, was an uns von weit her geschieht. Wer philosophiert, hier und heute, der muss das Viele sagen, ja, er muss sich des Einen immer wieder versichern - dass Vieles zu sagen sei.

Das nimmt sich wie ein Motiv des epischen Erzählers aus, dessen Muse alles Geschehene durch ihr Dabeisein bezeugt. Oder mehr noch: wie der Vorsatz des Historikers, der Zeugnis davon ablegt, was in der Zeit geschieht. Es ist das eine, durchgehende Leitmotiv im Lebenswerk eines Denkers, des nun im Alter von 102 Jahren verstorbenen Phiosophen Hans-Georg Gadamer, der seine Zeit, die volle Spanne eines Jahrhunderts als mitleidender Zeitgenosse durchlebt hat.

Ein Augenzeuge des Jahrhunderts, das ist Gadamer gewesen. Am 11. Februar 1900 als Sohn eines Chemie-Professors in Marburg geboren, wuchs er in Breslau auf, der Hauptstadt des preußischen Schlesien. Sein Leben hat vieles gesehen: Glanz und Elend des Kaiserreichs, das Versinken des alten Europa und des bürgerlich-christlichen Zeitalters im Ersten Weltkrieg; dann, als Breslauer und Marburger Student, die Gründung der Weimarer Republik und das Wüten des Bürgerkriegs; als Dozent der Philosophie in Marburg und Kiel den Aufstieg des Nationalsozialismus, die Ideologisierung der Universitäten, das Verschwinden jüdischer Freunde und Kollegen; als Professor in Leipzig, an der integersten Fakultät des Reiches, den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und sein Ende in den Bombennächten; die Jahrzehnte des Ost-West-Konflikts. Und schließlich, im hohen Alter, die Entspannung des Konflikts und sein Ausgang im Wunder der deutschen Wiedervereinigung.

Vom langen Weg und Umweg der Deutschen, davon hat Gadamer in seinen "Philosophischen Lehrjahren" (1977) einiges erzählt. Es ist ein Buch vom Überleben in schwieriger Zeit, vom inneren Widerstand während des Hitlerreichs und vom späteren, vergeblichen Versuch des Leipziger Rektors, Brücken zu schlagen und den Erkenntnisanspruch der Philosophie gegenüber der sich abzeichnenden Marxismus-Scholastik zu verteidigen. 1947 folgte Gadamer einem Ruf an die Universität Frankfurt und wenig später an die Universität Heidelberg. Hier zog er die "Summe" eines langen Mit- und Nachdenkens, jene Summa res der Philosophie, die sich seit Gadamer mit dem Namen "Hermeneutik" verbindet. Mit seinem 1960 - also erst im Alter von 60 Jahren! - publizierten Hauptwerk "Wahrheit und Methode" begründete er die Lehre von der Auslegung und vom Verstehen.

Der Name ist alt, älter noch als Theologie und Jurisprudenz. Er leitet sich ab von Hermes, dem griechischen Gott, der das Wissen der Götter mit dem der Menschen vermittelt. "Hermeneuten", das sind am Anfang vornehmlich die Dichter. Sie legen Zeugnis ab, ohne sich Rechenschaft davon geben zu können. Genau das heißt seit Platon Philosophie: die Rechenschaft darüber, dass vieles zu sagen sei. Darin steckt der Leitgedanke der modernen Hermeneutik: im Ausdruck der Gegensätze, der Differenzen, der Spannungen. Da ist der Abstand der Zeiten, die durch den Buchdruck wachsende Spannung zwischen Rede und Schrift. Da sind die Differenzen unter den Nationalsprachen und Kulturen, und zuletzt der Abstand zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Es gilt, die Unterschiede zu wahren, um das Abständige nicht zum Verschwinden zu bringen, sondern es - zu verstehen.

Gadamer meint durchaus das Unmittelbare: keine Technik, sondern die Praxis des Verstehens. Hier tritt die Hermeneutik einen "Schritt zurück" von der überlieferten Metaphysik, ein Weg, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Dilthey und Husserl beginnt und über Heidegger zu dessen Schüler Gadamer führt. Man hat es als den Beginn eines Rückwegs verstanden, als Einschränkung der von Heidegger ins Offene gedachten Struktur des Verstehens, hin zur "kulturellen Überlieferung" (Jürgen Habermas). Aber das ist ein Missverständnis, das der späte Heidegger selbst geteilt haben mag. Denn im Kern geht es um den höchsten, immer strittigen Punkt der Philosophie. In der Antike umspielt er die Nähe und Ferne zwischen Plato und Aristoteles, in der Neuzeit den Fortgang von Kant zu Hegel: die Frage nach dem Verhältnis des Wissens vom Guten zum Wissen vom Sein.

Heidegger, dem Gadamer immer in dankbarer Bewunderung verbunden blieb, hatte das Wissen vom Guten ganz mit der Frage nach dem Sinn vom Sein in Deckung gebracht. Ein Beispiel hermeneutischer Horizontverschmelzung, das Gadamer als Grundgeschehen jeden Verstehens ausgetragen hat. Auch davon handelt sein epochemachendes Werk "Wahrheit und Methode".

Was Gadamer im Gespräch mit der philosophischen Tradition zur Geltung brachte, war das "Zauberwort" der Aristotelischen, der "anderen Art von Wissen". So hat er uns zu einer anderen Weise des Philosophierens verholfen. Geht es bei Platon um das Ganze des Wissens, benennt das Wort bei Aristoteles den Sinn für das Tunliche, für die Bedingung des Handelns. Dabei ist es der große historische Beitrag von Gadamer, in der Beantwortung der Seinsfrage für Platon Partei zu ergreifen, ohne sich gegen Aristoteles zu entscheiden. Es ist allerdings eine Entscheidung für die "zweite" Philosophie des Aristoteles, die "praktische", die es mit dem Sein in der Zeit zu tun hat, dem Seienden, das sich immer anders verhält. So wird die Seinsfrage im Horizont einer verwandelten Dialektik beantwortet, deren Leitmotiv lautet: Vieles bleibt zu sagen.

Als ihn vor zwei Jahren Präsidenten, Philosophen und Professoren aus vielen Ländern zum 100. Geburtstag in Heidelberg feierten, sagte der Jubilar mit hellwachem Blick und freundlicher Stimme: "Ich bin nicht weiser als andere Leute. Aber ich glaube, dass ich durch die Umstände meines Lebens einige Erfahrungen gesammelt habe, die Sie zu bedenken bitten, dass jeder von uns Entscheidungen treffen muss - statt nur vorgegebenen Regeln zu folgen."

Eines seiner jüngsten Werke heißt "Der Anfang des Wissens" (1999). Und in einem erst vor zwei Wochen vorgestellten Interviewbuch rief er nachdrücklich zum Dialog der Weltreligionen auf. Für Gadamer, der die Jahrhunderte des Denkens miteinander ins Gespräch gebracht und dessen Denken das letzte Jahrhundert wesentlich geprägt hat, geht der Weg der Philosophie nicht zu Ende. Er öffnet sich, immer wieder, und weist ins Offene unserer Vergangenheit und Zukunft. Am Mittwoch ist Hans-Georg Gadamer, einen Monat nach seinem 102. Geburtstag, in Heidelberg gestorben.

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