Hans Haacke wird 80 : Sturm säen, Marmor zertrümmern

Provokation und Auseinandersetzung: Hans Haacke fordert gerne mit seiner Kunst die Betrachter heraus. Dem Konzeptkünstler zum 80. Geburtstag.

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Hans Haacke
Hans Haacke.Foto: picture-alliance/ dpa

So viel Streit hat kein anderes Kunstwerk im Deutschen Bundestag provoziert. Obwohl sich ebenso gut über die dort installierten Stahlgerüste oder dreieckige Faltungen aus Bronze diskutieren ließe, geriet Hans Haacke vor 16 Jahren mit seiner Neonarbeit „Der Bevölkerung“ in die Kritik. Die Idee von Humus und Leuchtschrift mochten viele nicht. Dennoch leuchtet der Schriftzug seitdem im nördlichen Innenhof des Reichtstags aus dem Dunkel jener Erde, die Abgeordnete in Haackes Auftrag aus ihren Wahlkreisen nach Berlin mitgebracht haben. „Lebhaft“ nennt die Bundestag-Website die damalige Diskussion. In Wahrheit war es eine Schlammschlacht – um Erde und Würde, vor allem um Haackes wirkungsvolle Umdeutung der Giebelinschrift am Reichstag, „Dem deutschen Volke“.

Hans Haacke, der am heutigen Freitag seinen 80. Geburtstag feiert, ist solchen Kummer gewohnt. Er fordert ihn geradezu heraus, wenn er wie 1993 für seine Installation „Germania“ den Marmorboden des deutschen Pavillons in Venedig aufbrechen lässt, um an die Wurzeln der Biennale im einst faschistischen Italien zu erinnern. Solche präzisen Arbeiten haben Haacke zum König der Konzeptkunst gemacht. Sie wecken Widerspruch, befeuern Diskussionen, auch über die Frage, wie viel Politik die Kunst verträgt, ohne zur Mission zu verkommen.

Die Auseinandersetzung ist zentral in Haackes Œuvre

„Germania“ war beispielhaft für einen so brutalen wie ästhetisch überwältigenden Eingriff, der nicht zuletzt das Bild von Caspar David Friedrichs „Eismeer“ heraufbeschwor. Haacke erhielt den Goldenen Löwen dafür. Zuvor waren die Werke des gebürtigen Kölners, der in Kassel und Philadelphia studierte, häufiger zensiert worden, etwa 1971, als eine Ausstellung im Guggenheim abgeblasen wurde, weil sie spekulative Immobiliengeschäfte in New York beleuchtete. Das sei keine Kunst, sondern eine soziale Studie, hieß es. Der Kurator wurde entlassen, man munkelte von der Verstrickung diverser Trustees des Museums in ebensolche Geschäfte.

Ähnlich erging es Haacke 1974 mit der Dokumentation einer Schenkung an das Kölner Wallraf-Richartz-Museum. Den Kauf eines Manet-Gemäldes hatte maßgeblich Bankier Hermann-Josef Abs angestoßen, dessen Rolle im „Dritten Reich“ der Künstler nicht unkommentiert lassen wollte – weil die Historie des „Spargel“- Stilllebens eng mit jüdischen Kunstsammlern wie -händlern verknüpft ist. Auch hier untersagte der damalige Museumschef die Präsentation der Arbeit.

Verhindern ließ sich die öffentliche Auseinandersetzung jedoch nicht. Sie ist fester Teil von Haackes Œuvre, an dessen Bedeutung längst niemand mehr zweifelt. Zahllose Ausstellungen und Preise – darunter die Ehrendoktorwürde der Bauhaus-Universität Weimar – belegen den Respekt vor dem Künstler, der schon Anfang der sechziger Jahre in die USA ging und aktuell in New York lebt. Bis 2002 war er dort Professor an der Cooper Union, einem privaten College für Kunst und Wissenschaft. Dreimal nahm Haacke an der Documenta teil, und wer glaubt, es sei um ihn stiller geworden, der kann in „South“, dem Begleitmagazin zur nächsten Schau in Kassel, den Talk zwischen ihm und Adam Szymczyk lesen. Der Leiter der 14. Documenta wird es wohl kaum beim Gespräch mit dem Veteranen belassen: Von Haacke wird 2017 bestimmt wieder die Rede sein.

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