Hans Joachim Schädlich zum 80. : Mit den Waffen der Lakonie

Der Schriftsteller Hans Joachim Schädlich wird 80 – und Rowohlt schenkt ihm eine Werkausgabe.

Klaus Hübner
Sprachsensibel. Hans Joachim Schädlich 2015 auf der Leipziger Buchmesse.
Sprachsensibel. Hans Joachim Schädlich 2015 auf der Leipziger Buchmesse.Foto: imago/STAR-MEDIA

Die erste Hälfte von Hans Joachim Schädlichs Leben endete im Dezember 1977. Davor: Kindheit und Jugend in Reichenbach, Bad Saarow und Templin, Studium in Ost-Berlin und Leipzig, Arbeit als Sprachwissenschaftler an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Zugleich erste, von der Obrigkeit misstrauisch beäugte Versuche als Prosaschriftsteller und Übersetzer, 1976 Unterzeichnung der Biermann-Petition, zuvor schon und vor allem danach Drangsalierung und Verfolgung durch die einschlägig bekannten Organe, West-Publikation des Erzählbands „Versuchte Nähe“, schließlich Ausreise in die BRD. Die Rekonstruktion von „Catt“, eines Fragment gebliebenen Romans aus den siebziger Jahren, ist gerade erschienen (herausgegeben und mit einem Nachwort von Krista Maria Schädlich, Verbrecher Verlag, Berlin 2015, 112 S., 19 €), das Nachwort gibt Auskunft über diese eher dunkle Zeit. Vielleicht zählt auch noch die tiefe künstlerische und persönliche Krise nach 1977 dazu, die Jahre des Irgend etwas irgendwie. So hieß auch ein 1984 veröffentlichtes Büchlein.

Zumindest als Schriftsteller endgültig im Westen angekommen war Hans Joachim Schädlich, der am heutigen Donnerstag 80 Jahre alt wird, mit seinem 1986 erschienenen und von Ruth Klüger, Günter Grass, Fritz J. Raddatz und vielen anderen hoch gelobten „Tallhover“. Der Roman besteht aus 82 Erzählsequenzen rund um einen Spitzel der Politischen Polizei, dessen Laufbahn in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts beginnt und in den fünfziger Jahren des 20. nur scheinbar endet. Der in der DDR unter anderem von seinem Bruder Karlheinz alias IM Schäfer observierte Autor wurde zu einer weithin respektierten und vielfach ausgezeichneten Figur des literarischen Lebens. Seine Urteile und Meinungen waren gefragt, vor allem, wenn es um den Untergang des Arbeiter- und Bauernstaats und die dann folgenden Enthüllungen ging. Regelmäßig erschienen Romane und Erzählungen. „Schott“ (1992), „Trivialroman“ (1998), „Anders“ (2003), „Vorbei“ (2007), „Kokoschkins Reise“ (2010) und „Sire, ich eile“ (2012) sind nur die bekanntesten.

Unumstritten war Hans Joachim Schädlich nie

Sehr viel von dem, was man über den 1935 im Vogtland geborenen Hans Joachim Schädlich wissen kann, steht in der Monografie des renommierten Aachener Germanisten Theo Buck (Hans Joachim Schädlich. Leben zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2015, 279 S., 29,90 €). Es ist gründlich, ausführlich und – nicht zuletzt – lesbar. Aber auch distanzlos und unkritisch. Quasi unter der Hand ist dem Germanisten seine bis 2014 reichende Gesamtdarstellung zur Hagiografie geworden.

Unumstritten aber war Schädlich nie. Zu sehr dem Konjunktiv verhaftet, zu nüchtern, zu akten- und wörterbuchlastig, zu verknappend, kurz: zu wenig poetisch, das waren die Haupteinwände gegen seine von Ironie, Satire und Spott durchsetzte semidokumentarische Prosa. Die bisher schärfste Attacke ritt der Kritiker Burkhard Müller, der in seiner Rezension von Schädlichs jüngstem Werk „Narrenleben“ (Rowohlt 2015, 175 S., 17,95 €) dessen viel gerühmten lakonischen Stil als Defekt bezeichnete: „Seine Kargheit führt zu einem Mangel an Anschauung, blassen Charakteren und emotionaler Anämie.“ Das abgründige Gefälle zwischen Macht und Geist, eines von Schädlichs Hauptthemen, werde derart knapp und dröge dargestellt, dass seine Prosa nach „rein gar nichts“ schmecke.

Das sitzt, auch wenn es nicht stimmt. Denn die schon in „Sire, ich eile“ bravourös vorgeführte Methode einer durch poetische Verdichtung rhythmisierten fiktionalisierten Geschichtsschreibung funktioniert auch in „Narrenleben“. Es geht um zwei geistreiche Hofnarren, die sich jeder Herrschaft andienen müssen, um existieren zu können – zwei deutsche Untertanen aus dem 18. Jahrhundert, die dem dreißig Jahre zuvor gezeichneten Tallhover gar nicht so unähnlich sind. Man darf „Narrenleben“ als Alterswerk sehen. Als solches aber ist es, schnörkellos und fast nebensatzfrei, ein unterhaltsames und lehrreiches Lesevergnügen. Was für wohl alle Werke dieses höchst sprachsensiblen und allem Geschwätz abholden Künstlers gilt. Wer’s nicht glaubt, besorge sich die zehnbändige Werkausgabe, die der Rowohlt Taschenbuch Verlag zu Ehren Hans Joachim Schädlichs in diesem Jahr herausgebracht hat (Hans Joachim Schädlich: Werke in zehn Bänden. Rowohlt 2015, ca. 2750 S., 99,90 €).

Geist und Macht, Literatur und Politik: Schädlichs Lebensthema

„Versuchte Nähe“ war ja nicht wegen der sehr seltenen expliziten DDR-Kritik ein Riesenerfolg, sondern weil Schädlich so präzise beobachtete und so gradheraus schrieb, dass man um eine politische Wertung seines Schaffens gar nicht herumkam: knappe Berichtsprosa, Montage von Sätzen – ein Kunstmittel, mit dem konkrete Einblicke in exemplarische Strukturen der DDR-Gesellschaft möglich wurden. Dem Thema „Literatur und Politik“ ist er treu geblieben, auch in seinen späteren, weit in die Geschichte ausgreifenden Werken. Er hat sich das nicht aussuchen können, aber es ist sein Lebensthema. Für uns Leser ist das, so makaber es klingen mag, ein großes Glück.

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