Hans Magnus Enzensberger : Die Rollen seines Lebens

Wie Enzensberger wurde, was er ist: Essays und Briefe beleuchten den Wendepunkt seiner Karriere.

Thomas Wild

Fast fünfzig Jahre lang galten sie als verschollen. Nun, zu seinem 80. Geburtstag, sind Hans Magnus Enzensbergers Frankfurter Poetikvorlesungen aus dem Winter 1964/65 erstmals als Buch erschienen: Das Datum markiert, nur sieben Jahre nach seinem lyrischen Debüt mit dem Band „Verteidigung der Wölfe“, einen Wendepunkt in seiner intellektuellen Biografie: den Übergang vom Sprecher einer sich im wirtschaftswundergläubigen Adenauer-Deutschland nur unwohl fühlenden Generation zur aktivistischen Phase des „Kursbuch“-Herausgebers. Für seine Essaysammlung „Einzelheiten“ (1962) war er als neuer Karl Kraus gefeiert worden. Im Jahr darauf hatte der 1929 in Kaufbeuren geborene Dichter den Büchner-Preis erhalten. Noch ein Jahr später hatte er in „Erinnerung an die sechziger Jahre“, einem Zyklus seines dritten Lyrikbandes „Blindenschrift“, mit der Dekade bereits abgeschlossen. Drohte ihm die kreative Ermattung?

Mitten in dieser Sorge trifft Enzensberger die Bitte, er solle in Frankfurt die Grundlagen seines Schreibens darlegen. Gleich im Titel der ersten Vorlesung fragt er: „Spielen Schriftsteller eine Rolle?“ Dem Doppelsinn der Frage folgt er auf der Spur der „Rollenbilder“. Moralist, Zeitkritiker, Außenseiter, „Jungerwildermann“: Kann sich gegen die Zuschreibungen des Marktes wehren, wer in sein Spiel eintritt? Enzensberger wird sich später, längst wieder hinaus über alle agitatorischen Versuchungen, als „Fliegender Robert“ oder „Furie des Verschwindens“ empfehlen. Eben weil er die Frage, ob Schriftsteller eine Rolle spielen, mit vollem ironischem Ernst beantwortet: „Das ist zu befürchten.“

So spricht er, dessen Vorlesungen außerdem von „Literatur als Geschichtsschreibung“ und mathematischen Strukturen in der modernen Kunst handeln, über seine Lieblingsthemen. Zugleich hält er sich als Maske den „Literaturwissenschaftler“ vors Gesicht und wittert die kommenden philologischen Forschungsfelder: die soziologische Untersuchung des literarischen Marktes bis hin zur Autorinszenierung, das Nachdenken über das Wissen von Literatur in Diskursanalyse und New Historicism, ganz zu schweigen von den Bemühungen, Natur- und Geisteswissenschaften zueinander ins Verhältnis zu setzen. Der Gehalt dieser Vorlesungen würde heute noch genügen, um darauf die Initiative eines Exzellenzclusters zu gründen. „Die Literaturhistoriker haben es gut“, so Enzensberger, „in einer anderen Lage befindet sich, wer schreibt.“

Dass er etwas weiß vom Schreiben, wird auch zugeben, wer sein chinesisch lächelndes politisches „Zickzack“ (so der Titel einer Aufsatzsammlung von 1997) nicht erträgt. Ab Juni 1965 ruft er das „Kursbuch“ ins Leben und macht es unter seiner Herausgeberschaft zum Zentralorgan der APO und Neuen Linken. Enzensbergers Nachdenken über „literarische Machtfragen“ und den „institutionellen Imperativ“ überlieferter Darstellungsformen bewegt sich im Frankfurter Schlussvortrag noch auf der Seite des Schreibens, nicht der Debattentaktik.

Wie Enzensberger hier die theoretischen Entscheidungen reflektiert, die jeder trifft, der schreibt – ob Dichter, Journalist oder Wissenschaftler –, ist bis heute lesenswert. „Jeder Anfang ist immer bereits eine Antwort“, heißt es, jeder Schreiber werde „weniger schreiben als weiterschreiben“. Hier spricht auch der Herausgeber des „Museums der modernen Poesie“ (1960) und der „Geisterstimmen“ (1999), deren Nachworte in dem umfangreichen Jubiläumsband „Über Literatur“ neben vielen anderen Texten gleichfalls versammelt sind.

Kaum ein Zufall, dass auch der Briefwechsel mit Uwe Johnson seinen Dreh- und Angelpunkt um 1965 hat. Noch bis vor kurzem weigerte sich Enzensberger, öffentlich über Uwe Johnson zu sprechen oder die Briefe einsehen zu lassen. Er wolle nicht das letzte Wort behalten, gab er zur Begründung an. Dass dies in der Briefausgabe eingehalten ist, zeichnet das Buch aus. Nur: Worin wollte er nicht das letzte Wort behalten?

Es geht um das Ende einer Freundschaft. Als Johnson im Mai 1966 für zwei Jahre von Berlin nach New York ging, vermietete er Atelier und Wohnung an Ulrich Enzensberger und Dagrun Kristensen, Magnus’ Bruder und seine dann geschiedene Ehefrau. Dort gründeten die beiden die berüchtigte Kommune 1. Im April 1967 durchsuchte die Polizei Johnsons Atelier und verhafteten Kommunarden wegen des Verdachts, ein (Pudding-)Attentat auf den US-amerikanischen Vizepräsidenten Humphrey geplant zu haben. Illoyalität wirft Johnson daraufhin Enzensberger vor. Dieser wehrt sich, er sei nicht seines Bruders Hüter. Es geht auch um Mietzahlungen und Darlehen. Noch ein paar Briefe. Dann ist es vorbei.

Dabei wollten sie 1965 in eine „berliner doppel-hütte“ ziehen, nachdem Enzensberger aus dem norwegischen Tjöme zurückgekehrt war. Große Projekte standen am Horizont. Enzensberger pries Johnsons Debüt als „ersten deutschen Roman nach dem Krieg“. Epochal seien die präzisen „Mutmassungen über Jakob“ (1959), weil sie die „Unkenntlichkeit“ der Verhältnisse nach 1945 erst kenntlich machten. „Lies keine Oden mein Sohn, lies die Fahrpläne:/ sie sind genauer“, hieß das bei Enzensberger in einem Gedicht. Ein korrespondierendes Schreibprogramm, das am Augenscheinlichen der Gegenwart engagiert ist? Und eine deutsch-italienisch-französische Zeitschrift, die die beiden Anfang der 1960er Jahre mitinitiierten, sollte der eine als Herausgeber, der andere als leitender Redakteur gestalten.

Der Briefwechsel legt die Sollbruchstellen offen. Auf Enzensbergers Rede beim Frankfurter Notstands-Kongress im Herbst 1966 antwortet Johnson: „Wo wir eine nuechterne Beschreibung der Lage erwarteten, konnten wir mit deinen poetischen Lizenzen nicht gluecklich werden.“ Wenn ein Schriftsteller, „ohne 1 (einen) Arbeiter zu kennen den Arbeitern Vorschriften über den Generalstreik macht“, sei das schlicht „Hochstapelei“. Der Übergang des Freundes vom „kommentierenden Betrachter“ zum „öffentlichen Redner“ hatte bereits Johnsons Beziehung mit Günter Grass gespalten. Es geht um Fragen politischer Unabhängigkeit und intellektueller Glaubwürdigkeit. Enzensberger sieht daher „unseren briefwechsel“ in eine „sackgasse“ geraten.

Seiner Befreundung mit Uwe Johnson stand das „dead end“ noch bevor. Der Autor Enzensberger hingegen findet immer wieder wundersame Auswege aus den eigenen Sackgassen – ohne den Theaterdonner zukunftsgewisser Schlachtlinien, vielmehr flanierend wie vom „Untergang der Titanic“ (1978) über „Ach Europa!“ (1987) bis zu den jüngsten „Rebus“-Gedichten: Bücher, die viel sehen, ohne alles besser zu wissen.

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