Hans-Michael Rehberg : Geheimnis der Klarheit

Er ist einer der wirklich Großen der deutschen Szene. Ein Rarer. Dem Schauspieler Hans-Michael Rehberg zum 70. Geburtstag.

Peter von Becker

Hans-Michael Rehberg gehört wie Rolf Boysen, Thomas Holtzmann, Gert Voss, Hilmar Thate, Jürgen Holtz, Sepp Bierbichler oder Thomas Thieme zu den wenigen Spielern, die noch das älteste, fast schon ausgestorbene Fach des Tragöden verkörpern. Das schließt die Komödie nicht aus. Doch es gibt eine Ahnung von jener Verbindung von Tragik und Pathos, die nicht in fahler Pathetik oder melodramatischem Kitsch zerrinnt.

Pathetik und Kitsch gehörten einst zur Methode und unfreiwilligen Tragödie der Nazis. Und in der Auseinandersetzung mit diesem Vätererbe, mit dem Tod auch des grandiosen Tragikers und (zugleich höchst humorbegabten) jüdischen Remigranten Fritz Kortner triumphierte im deutschen Theater nach 1968 vor allem die Ironie. Oft auch als elegantere, unverbindliche Ausflucht.

Dem Berliner Hans-Michael Rehberg, Sohn des vor 1945 geschätzten, gleichwohl nie ganz linientreuen Historien- und Tragödien-Autors Hans Rehberg, ihm spielt gern ein sarkastisches, sinistres Lächeln um die Lippen. Aber selbst dann sind doch die Augen, tief, dunkel, leuchtend, so etwas wie sein Erkennungszeichen: ein meist sanfter, nur in Partien voll Jähzorn auch mal funkelnder Schwermutsblick. Dazu eine männlich rauhe, schnell vom Betörenden zum Harschen wechselnde, im Leisen wie Lauten die Klarheit des Ausdrucks suchende Stimme. Suchend, nicht immer schon fraglos wissend. So ist auch das Fragile bei ihm kein Gegensatz zum Forcierten.

Schon das wirkt besonders. Und es haben die Regisseure von früh an gemerkt. Nach der Folkwangschule in Essen und kurzem Beginn in der Provinz kamen die großen Bühnen: In München, Wien, Berlin, Hamburg und bei den Salzburger Festspielen hat er gearbeitet, mit Regisseuren wie Hans Lietzau, Jürgen Flimm, Peter Zadek, Peter Stein, Ingmar Bergman, Hans Neuenfels, Dieter Giesing, Bob Wilson, Claus Peymann, im Fernsehen und Film mit Rainer Werner Fassbinder bei „Berlin Alexanderplatz“, tutti quanti. Von seinen vielen Haupt- und Titelrollen, zuletzt am Deutschen Theater Berlin Shakespeares Titus Andronicus (Regie Neuenfels) gehören mindestens zwei zur Theatergeschichte: sein melancholisch furioser Danton einst in Flimms Büchner-Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus. Und natürlich sein Baumeister Solneß.

Vor einem Vierteljahrhundert im Münchner Residenztheater spielte Rehberg in Peter Zadeks Ibsen-Version die späte Liebe des alternden Baulöwen Solneß so flirrend, so irisierend verführt (durch das Mädchen Hilde der Barbara Sukowa, damals Rehbergs Frau auch im Leben) und zugleich verführerisch, dass diese hoch greifende amour fou nur im Absturz enden konnte. Alles war klar – und alles Geheimnis, wie ein zu lange anhaltender, elektrisierender Blitz. Ein erotischeres Paar als es damals Rehberg & Sukowa waren, hat man im Theater kaum mehr gesehen. Morgen übrigens sieht man Rehberg, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, als Bischof im TV-„Pfarrer Braun“ der ARD. Da sollte es doch noch anderes, noch viel Tolleres geben. Für einen wie ihn! Peter von Becker

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