Hans Werner Henze : Nr. 9 884 828

Wäre die Sache historisch nicht so diffus und schmeckte die ganze Debatte nicht längst nach moralinsaurer, deutscher Marmelade, man könnte sich glatt die Zähne daran ausbeißen. Mit 17 in die NSDAP: Hans Werner Henze.

Christine Lemke-Matwey
Henze Foto: ddp
Hans Werner Henze -Foto: ddp

Grass, Walser, Lenz, Peter Wapnewski, Walter Jens, Dieter Hildebrandt und einige Giganten des geistigen Lebens in der alten Bundesrepublik mehr, sie bekommen erneut Gesellschaft. Auch der 82-jährige Komponist Hans Werner Henze soll nach einem Bericht der Zürcher „Weltwoche“ seit 20. April 1944 (da war er 17 und im Arbeitsdienst) Mitglied der NSDAP gewesen sein – und weiß von nichts. Von keinem Parteiabzeichen, keiner Unterschrift.

Historiker wie Norbert Frei bemühen sich seit geraumer Zeit um den Nachweis, dass es in den Jahrgängen 1926/ 27 vermehrt zu „Sammelaufnahmen“ in die Partei kam. Das heißt: Es reichte, wenn die zuständige Gauleitung initiativ wurde. Und in Einzelfällen genügte augenscheinlich sogar die Unterschrift der Eltern. Henzes autoritärer Vater Franz, ohnehin ein Trauma für die zarte, homosexuelle Künstlerseele, war profunder Nazi. Was also, wenn er – der dem Sohn ob seines „Schlages“ gern mit dem KZ drohte – dessen Parteieintritt betrieben hätte? Ohne dass der junge Hans Werner davon in Kenntnis gesetzt wurde, wäre eine derartige ideologische Züchtigung freilich ins Leere gelaufen.

Also doch Amnesie in Sachen eigenhändiger Unterschrift? Die Henze’sche Familienkorrespondenz, die darüber Auskunft geben könnte, ruht bis 50 Jahre nach dem Tod des Komponisten sorgsam verschlossen im Sacher-Archiv in Basel. Und wenn schon: Vergessen bedeutet Verdrängen und ist nicht zuletzt eine Frage der Dimension. In einer ersten Reaktion nennt Henze seine Mitgliedschaft mit der Nummer 9 884 828 „phantomatisch“. Er erinnere sich nicht, „jemals den Wunsch verspürt zu haben, der NSDAP beizutreten“.

In der Tat sprechen in Henzes Biografie und Werk viele Dinge gegen ein blindes Mitläufertum. So viele, dass man schon wieder mutmaßen könnte, es läge hier jenseits der kollektiven auch ein Stück persönliche Scham begraben. Von der herrschenden musikalischen Avantgarde der fünfziger Jahre (Nono, Stockhausen, Boulez) rüde ausgegrenzt, stilisiert Henze sich früh zum Außenseiter. Ein Bonvivant der besseren Gesinnung, Mitglied der kommunistischen Partei im vergötterten Italien, Kuba-Aktivist, „Orpheus der APO“, Wahlkämpfer für Willy Brandt. Noch seiner neunten Symphonie von 1997 liegt Anna Seghers „Siebtes Kreuz“ zugrunde, kaum eine Oper kommt ohne den Typus des beladenen Künstlerhelden aus. Musik als „Trauerarbeit“ – und Trost. Als wäre das fast 65 Jahre danach nicht genug. 

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben