Kultur : Hansjörg Schertenleibs neuer Roman "Die Namenlosen"

Andreas Paschedag

Es ist kein Geheimnis, welche Eigenschaften ein deutschsprachiges Buch und sein Autor haben müssen, um sich dieser Tage einen Namen zu machen. Wer nicht jung und in einer Szene beheimatet ist, wer nicht hip und selbstdarstellerisch schreibt, wer nicht mindestens seinen zweiten Wohnsitz in Berlin angemeldet und seinen Roman in einer Großstadt spielen lässt, fällt meist gnadenlos aus dem Fahndungsraster.

Der Schriftsteller Hansjörg Schertenleib ist kein Unbekannter. In den 90er Jahren wurden seine Romane "Der Antiquar" und "Das Zimmer der Signora" wie auch sein Lyrikband "November. Rost" viel besprochen und gelobt. Nun liegt der Roman "Die Namenlosen" (Verlag Kiepenheuer & Witsch. Köln 2000) in den Buchhandlungen. Was geschieht, wenn ein in Irland lebender schweizstämmiger Autor einen thematisch ganz und gar nicht deutschen Roman veröffentlicht? "Die Namenlosen" erfährt hierzulande kaum Resonanz, erntete aber zwanzig fast ausnahmslos euphorische Besprechungen in der Schweiz.

Schertenleib hat einen Roman geschrieben, dessen Wurzeln man in der angelsächsischen Literatur vermuten würde, einen Thriller mit internationalem Flair, in Frankreich, Italien, Irland und der Schweiz angesiedelt. Es ist ein schillernder Sektenreport, gut recherchiert, sehr aktuell. Der Text ist in musikalisch-suggestiver Sprache komponiert, auf verschiedenen Erzähl- und Erinnerungsebenen entsteht ein kleines Universum von Figuren mit ihren Abhängigkeiten und Stimmungen, ohne die Stringenz der dramatischen Rahmenhandlung zu verlieren. Dieser Roman verdient auch in Deutschland eine Chance.

Die vierzigjährige Christa Notter, die, in einem Cottage im Nordwesten Irlands versteckt, legt ihre Lebensbeichte ab. Sie schreibt an ihre Tochter, die sie nicht kennt. Sie schreibt um ihr Leben, denn sie hat die Sekte verraten, der sie sich mit Leib und Seele verschworen hatte. Ihre Notate sind der Versuch, sich ihrer Tochter anzunähern, ihre Herkunft aufzuklären, das eigene Leben zu reflektieren und die Hintergründe zu erläutern, die sie zu dem machten, was sie seit ihrem Sekteneintritt geworden ist: eine Terroristin, Mörderin. Es geht auch um die Abhängigkeit vom Vater, einem schweigsamen Buchdrucker, um die Hassliebe zur einfältigen und religiös fixierten Mutter. Die Mutter erzählt von den Initiationsriten der Sekte um den charismatischen und grausamen Fishnish, der die katholische Kirche bekämpft und auch vor Mord nicht zurückschreckt. Christas Bericht enthält aber auch die anrührende Geschichte ihrer Liebe zu Erich, einem Jongleur und Feuerschlucker, mit dem sie einige Tage in Südfrankreich in der Gesellschaft von Aussteigern verbringt, als sie sich in dreißigtägiger Askese auf den ihr von der Sekte zugedachten Auftrag vorbereiten soll: das Selbstmordattentat an Papst Johannes Paul II. während einer öffentlichen Messe in Rom.

Schertenleib zeigt in diesem Roman sein Faible für den filmischen Blick. Die Landschaftsskizzen, liebevollen Personenporträts und Detailbeschreibungen wirken wie mit der Kamera festgehalten. In Rückblenden und Erinnerungsfetzen aus Christas Kindheit werden die Ereignisse in einer Intensität und Farbigkeit aber auch mit einer Leichtigkeit festgehalten, wie man sie sonst nur aus dem Kino kennt. Schertenleibs Stil ist authentisch knapp und klar, weitab von gekünstelter, gestelzter Sprache. Mit poetischer Kraft beschreibt er seine Figuren, ohne sich als Erzähler einzumischen, ohne zu belehren und, in diesem Fall, den üblichen Sekten-Klischees zu verfallen. Das funktioniert hervorragend durch eine verdreifachte Ich-Perspektive, die aus Tagebuchstücken, späteren Kommentaren und Ergänzungen die seelische Höllentour Christas veranschaulicht - die Faszination und Verführungskraft von Gewalt und religiösem Fanatismus, und schließlich die Abkehr vom Hass, die Macht der aufkeimenden Liebe. Eine Verfilmung des Romans drängt sich förmlich auf.Der Autor liest heute um 21 Uhr im Buchhändlerkeller in der Carmerstraße.

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