Kultur : Hanson-Retrospektive: Praller Körper, müder Geist

Christian Huther

Das Verwirrspiel funktioniert noch immer: Duane Hansons Menschenpuppen sind so täuschend echt, dass man sie länger als nur einen Moment für lebendig hält. Der Wachmann und die Putzfrau könnten zum Haus gehören, die zwei dicken Touristen Museumsbesucher wie wir sein. Dabei werden Hansons realistische Skulpturen allmählich historisch, ihre große Zeit hatten sie in den siebziger und achtziger Jahren. Aber die nun in der Frankfurter Schirn Kunsthalle beginnende Wanderausstellung mit 31 der insgesamt 114 Werken von 1965 bis 1995 wird wohl eine der letzten großen Hanson-Retrospektiven sein. Denn der amerikanische Bildhauer (1925-1996) arbeitete lange mit verschiedenen Kunststoffen wie Polyester, Fiberglas und Polyvinyl-Acetat, die jetzt nach und nach brüchig werden. Folglich gaben viele deutsche Museen von Aachen über Duisburg und Köln bis Hannover und Bremen ihre Hanson-Figuren nicht heraus.

Hanson ist in Deutschland gut bekannt. Von 1953 bis 1961 wirkte er als Lehrer an amerikanischen Armeeschulen in München und Bremen, seinen internationalen Durchbruch erlebte er in Kassel 1972 auf der "documenta 5". Schließlich machten ihn zwei Wanderausstellungen 1974/75 - auch in Berlin gastierend - und 1991 einem breiteren Publikum geläufig. Für die jetzige Schau kommen die meisten Werke aus amerikanischen Privatsammlungen, sie sind nach Frankfurt noch in Stuttgart, Mailand, Rotterdam und Edinburgh zu sehen. In Frankfurt wird Hansons Schaffen chronologisch, aber rückwärts aufgerollt. Am Beginn stehen die späten Figuren, die Hanson im letzten Lebensjahrzehnt in Bronze goss, mit Farbe bemalte, bekleidete und ihnen sogar Haare einpflanzte. Der Künstler widmete sich den gelangweilten und reichlich spießigen Helden des Alltags, formte ein "Altes Ehepaar auf einer Bank" (1994) oder eine etwas kräftige, maskuline Bikini-Schönheit beim Sonnenbaden (1987). Aber je praller der Körper, desto müder oder verzweifelter scheint der Geist. Fast immer wirken die Figuren melancholisch und dumpf, sind in sich zusammengesunken, blicken ins Leere und scheinen an nichts Interesse zu haben. Hansons Durchschnittsbürger von der traurigen Gestalt wirken geradezu tragikomisch, sie sind mehr oder weniger gutmütige Monster des amerikanischen way of life. Wenn man sich die etwas grelle Kleidung wegdenkt, handelt es sich um Menschen wie Du und Ich, die Hanson faszinierten, wie er 1990 gestand: "Es ist das Menschliche, an dem ich interessiert bin - die Müdigkeit, ein bisschen Frustration, die Ablehnung. Für mich liegt in all dem eine gewisse Schönheit." Seine unförmigen Trauerklöße erfand er nicht aus Schadenfreude oder Häme, sie entstanden eher aus Sympathie und Mitleid. Die Skulpturen sind das Ergebnis intensiver Zusammenarbeit mit den Modellen, die meist aus seinem Freundes-, Bekannten- oder Verwandtenkreis stammten. Als künstlerische Vorbilder nannte Hanson die realistischen Porträts der Römer, daneben Tilman Riemenschneider und Wilhelm Lehmbruck, aber auch Hans Holbein den Jüngeren wegen seiner objektiv geschilderten Physiognomien. Hanson schuf nicht nur Karikaturen auf zwei Beinen, wie man am Ende der Ausstellung sieht. Drei Werke belegen Hansons sozialkritische Phase der sechziger Jahre: Eine kleine Gipsfigur zeigt ein bei der Abtreibung gestorbenes Mädchen (1965), während der lebensgroße "Motorradunfall" (1967) von einem Jungen handelt, der neben seinem Motorrad liegt mit ausgestreckten Armen, verwinkelten Beinen, blutendem Mund und offenen, vielleicht auch gebrochenen Augen. Noch verstörender wirkt das "Bandenopfer" (1967): Ein Mann wurde mit einem um den Hals geketteten Betonklotz ertränkt, Arme und Beine sind brutal verstümmelt. Dabei wollte Hanson nie den Betrachter täuschen oder die Realität kopieren, sondern sie intensivieren und interpretieren. Dass Hansons Toter nun 34 Jahre später so erschreckend wirken und an den Terror in Amerika gemahnen würde, hat wohl niemand bei der Vorbereitung der Ausstellung geahnt, die auch noch den Titel "Mehr als Realität" trägt.

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