Kultur : Happy Birthday!

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MUSIKZIMMER

Diedrich Diederichsen über die Rekonstruktion der RockIdeologie

Man kann wieder nach Köln ziehen. Die Pop-Komm kommt nach Berlin. Das hat zu allerhand städtevergleichenden Feuilleton- Aufregungen geführt. Die „FR“ meinte, Köln sei einmal eine hippe Stadt gewesen, heute sei sie dies nicht mehr und verdiene es quasi, dass die PopKomm sie verlasse. Vielleicht war es eher umgekehrt. Man kann sich nämlich nicht vorstellen, was für ein Unheil so eine Leistungsschau der Pop-Industrie in einer Stadt mit einem relativ kleinen Zentrum anrichten kann. Da bleibt nichts heil oder hip. Man kann hoffen, dass der Unsinn in Berlin am Stadtrand auf dem Messegelände versickert und die unappetitliche Branche unter sich bleibt. Ein paar Showcases werden sich auf Prenzlauer Berg verteilen. Auch nicht schlimm, wenn die dortige Studentenkultur mal so richtig kommerziellen Schweinkram mitkriegt.

Warum aber ist die Schallplattenindustrie so besonders unbeliebt? Bei z.B. Autoren wie diesem hier. Von grundsätzlich antikapitalistischen und kulturindustriekritischen Erwägungen einmal abgesehen, die man dann aber auch gegen alle anderen Kulturindustrien richten müsste, machen die doch auch nur ihren Job. Und sie haben es verdammt schwer – heutzutage. Die Krisen reißen nicht ab. Man könnte den psychologischen Grund benennen, dass die Musikindustrie gerade mit dem Material hökert und Profite macht (oder nicht macht), in das sehr viele einst die Hoffnung investiert haben, es stehe jenseits von Markt und Verwertungslogik.

Schlimmer aber als diese Enttäuschung wiegt, dass niemand bereit ist, mit ihr zu leben, und - neben vernünftigen Gegenmaßnahmen auf ökonomischer Ebene: eigene Labels und Vertriebe, Bekämpfung der konventionellen Copyright-Kultur – dies durch Ideologie und Lebenslügen kompensiert. Das gilt nun aber für die Industrie genauso wie für ihre Kunden: Sie sind verbunden durch ein grünes Band der Ideologie. Eines, das in der gegenwärtigen Re-Stabilisierung von Rock als der großen authentischen Musik jenseits von Ware und Software wieder besonders eng geflochten wird. Vorbei die schönen Tage, als es eine Pop-interne Reflexion über die Bedingungen des eigenen Geschäftes gab. Heute muss wieder geglaubt werden an das, was man macht. Und die für einen naiven narzisstischen Glauben an sich selbst zuständige Pop-Musik ist wieder Rock. Nach Jahren, in denen Rock-Musik Ausnahme bleiben konnte und von Bands wie den Melvins bis zu den Queens of the Stone Age durch Spiralen der Selbstreflexion gejagt wurde, wird heute wieder die naive Rock-Ideologie rekonstruiert, die Branchen- und Bewusstseinskrisen heilen soll.

Ideologie erkennt man am besten daran, dass sie von ihren Anhängern nicht nur freudestrahlend in der Form eines Widerspruches formuliert wird, sondern dass gerade der Widerspruch als Kausalität auftritt. Mick Jagger ist sechzig geworden, und ein als Bravo-Chefredakteur ausgewiesener Mann erklärt bei Nina Ruge, Mick Jagger sei deswegen so super, weil er sich selbst immer treu geblieben und sich so sagenhaft gut verkaufen konnte. Die Ideologie vom sich selbst treu bleibenden Rock-Star kann nur überleben, indem ihr Gegenbeweis, der für Geld zu allem bereite Star, gerade als Begründung dient. Es gibt für diese Denkfigur keinen Namen, aber statt These und Antithese zur Synthese zu führen, ignoriert sie einfach deren Antagonismus. Sie ist das Gegenteil von Dialektik: Der Bravo-Mann will ja nicht dialektisch sagen, Jagger sei sich genau darin treu geblieben, sich stets verkaufen zu können, egal mit was, sondern er sei seinem transzendenten Persönlichkeitsentwurf treu geblieben, das sei moralisch gut und lasse sich daher so gut verkaufen.

Das Gute wird belohnt, die Welt und der Markt sind in Ordnung. Das aber ist genau der ideologische Inhalt des Produktes Jagger, nicht der seiner Person. Auf der Ebene der Ideologie ist diese Produktaussage des Rock-Produkts indes so real wie eine Person. Man muss an sie glauben wie an eine Autorität, um das Produkt herstellen, verbreiten und genießen zu können – gegen jede Vernunft. Denn das ist ja die Bedeutung von Glauben: gegen alle Vernunft! Und der rekonstruierte Rock eignet sich gut, den gesellschaftlichen Widerspruch zwischen Selbstbestimmung und Abhängigkeit in eine narzisstisch genießbare Form zu bringen: als Kampf gegen die Vernunft (für den es ja auch gute Gründe gibt). In der aktuellen Absatzkrise der Pop-Industrie haben sich nun Feuilleton und Mittelschichts-Konsumenten geeinigt, ihre Lebensentwürfe wieder entlang dieser Idee der Unrasiertheit und der Autofahrerei zu organisieren, sich an Gitarre, Misogynie und dem unerschütterlichen Glauben zu orientieren, ich sei ganz selbstbestimmt, wenn ich so ausflippe, wie es der Chef von mir erwartet.

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