Kultur : Happyend einer Aufgestandenen

Vor 20 Jahren war sie die neue Superdiva. Beinahe. Dann fielen Deutschlands Kritiker über sie her. Heute lebt Ute Lemper in New York. Nun ist sie tatsächlich ein Star geworden. Am Montag gastiert sie, mit Orchester, in Berlin

Harald Martenstein

Zufällig geht an diesem Wochenende die Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“ in die Zielgerade. An dieser Show konnte man wieder sehen, wie zwiespältig das Verhältnis zwischen Publikum, Bühne und Star ist – als in den ersten Folgen die Dilettanten ihre verspotteten Auftritte hatten, und später, wenn sich die Jury über brüchige Stimmen und missglückte Outfits amüsierte. Schadenfreude spielt eine Hauptrolle. Aufstieg und Niedergang, Triumph und Absturz, beides sieht man im Publikum gerne. Eine der wichtigsten Staraufgaben: da oben stellvertretend für uns zu scheitern, symbolisch zu sterben. Das ist, wie man an Michael Jackson sieht, nicht nur in Deutschland so.

Anfang der Achtzigerjahre beginnt die Ute-Lemper-Story. Ute Lemper trat damals, als noch keiner sie kannte, im Stuttgarter Kammertheater auf, in irgendeinem kleinen Nebenraum. Ivan Nagel hatte das arrangiert, einer ihrer Förderer. Es passten vielleicht 80 Leute hinein. Es hieß aber damals schon: „Das wird mal ’ne ganz Große.“

Auch Ute Lemper hat Castings absolviert. Aber im Wesentlichen lief ihr Aufstieg so ab: Sie trat auf, machte Furore, bekam sagenhafte Angebote. Ihr Musicaldebüt: bei „Cats“ in Wien. Nicht schlecht für den Anfang. Danach: die Titelrolle in „Peter Pan“. Und dann: Sally Bowles in „Cabaret“, Paris, Jerome Savary. Ganz oben. In Stuttgart – es muss kurz nach „Cats“ gewesen sein – sang sie Kurt Weill. Sie hat von Anfang an gerne Weill gesungen. Ute Lemper war Anfang zwanzig, aber sie besaß schon Charisma. Sie mochte es, vor Publikum zu stehen, die Stimme war kraftvoll und geschmeidig. Man wusste, dass sie eine Tanzausbildung und eine Schauspielausbildung hatte. Und dann war da ihr Aussehen. Ute Lemper sah exakt so aus, wie ein singender, weiblicher deutscher Superstar in Klischeevorstellungen gefälligst auszusehen hat. Blond, schlank, langbeinig, alles reichlich. Marlene Dietrich, Grace Kelly, Greta Garbo... keine dieser Großdiven sieht Ute Lemper wirklich ähnlich, und doch musste man unwillkürlich an solche Frauen denken, wenn man sie sah. Sie hatte dieses klar geschnittene, markante, kühle Divengesicht. Sie wirkte wie eine Dreißigjährige oder sogar älter, nichts an ihr war mädchenhaft oder niedlich.

So wurde sie in den Zeitungen und im Fernsehen einsortiert: die neue deutsche Diva. Ute Lemper konnte all das beinahe perfekt, was in „Deutschland sucht den Superstar“ von den Superstar-Kandidaten verlangt wird, singen, tanzen, performen. Trotzdem hätte sie eigentlich noch eine Weile in die kleinen Kammertheater gehört, statt in die ganz großen Säle. Sie hatte dieses Gesicht, aber in Wirklichkeit war sie fast noch ein Kücken. Was konnte sie schon vom Liebesleid wissen und vom Tod und von all den Verzweiflungen, die in den Chansons vorkamen, die sie sang? Ute Lemper strengte sich an. Das konnte man hören. Ihre Stimme bekam an den lauten Stellen manchmal etwas Metallisches. Ihre Konzerte klangen nach Arbeit. Mit aller Kraft wollte sie dem Mythos gerecht werden, zu dem sie zu früh ausgerufen worden ist.

Sie rief manchmal Kritiker an und sagte: „Hey, Sie, was haben Sie da eigentlich für einen Mist über mich geschrieben?“ Wenn man sie interviewte, merkte man, dass sie nicht viel Divenhaftes hatte. Sie inszenierte sich nicht, sie war nicht zickig. Sie war weitgehend normal. Was ihre Arbeit betraf, verstand sie keinen Spaß. Ein Pflichtmensch. Keine Spielernatur.

Man weiß ja, was damals passiert ist. Die deutschen Kritiker gingen mit auffälliger Energie auf Ute Lemper los. Samthandschuhe wurden dabei nicht verwendet. Eine „Barbiepuppe“ sei sie, hieß es zum Beispiel in der „Süddeutschen“. Sie taumelte, schwer getroffen, warf sogar einmal eine Rolle hin, die Lola im „Blauen Engel“, inszeniert von Peter Zadek, sie, der Pflichtmensch, der so etwas eigentlich nicht tut. Sie ließ sich an den Stimmbändern operieren, um besser zu werden. Flüchtete in die USA, arbeitete am Broadway und in Frankreich. Filme, Musicals, Preise, die Scala, immer mehr Erfolg. In Deutschland ließ sie sich nur noch selten blicken. Die ganz großen Maßstäbe, an denen sie so oft gemessen wurde – von wem stammten die eigentlich? Wer hatte denn gesagt, dass sie gefälligst eine ganz Große zu werden hat? Sie nicht.

Kritiker haben die Pflicht, gemein zu sein. Das gehört zu ihrer Rolle in der großen Show. Aber es wirkt schon seltsam, wie hart der Ton damals oft war. Es gab wohl etwas an der jungen Lemper, das provozierend wirkte: Sie wehrte sich. Sie schimpfte zurück. Die verletzliche, dünnhäutige, unsouveräne Diva, diese Rolle ist im Spiel nicht vorgesehen. Indem sie Wirkung zeigte, bewies sie, dass sie ihrem Image wirklich nicht entsprach. Die Kritiker fühlten sich bestätigt.

Im Juli feiert Ute Lemper ihren 40.Geburtstag. Sie wohnt in New York, hat zwei Kinder, wirkt immer noch wie eine Dreißigjährige und sie ist tatsächlich das geworden, was alle prophezeit haben, ein großer Star. Berlin, sagt sie, trägt sie für immer in sich, vor allem wegen ihres Lieblingskomponisten Kurt Weill. Seit einiger Zeit komponiert sie auch selbst. Sie sagt, dass sie endlich auch ihre eigenen Visionen musikalisch ausleben will. Auf ihrer neuen Platte „but one day“ stehen die Lempersongs selbstbewusst neben populären Klassikern von Jacques Brel oder Astor Piazzolla. Sie sind leicht, diese Songs, Salonjazz ohne viel Pathos, fast beiläufig. Sie suchen gar nicht erst die Konkurrenz zu den großen alten Männern, sondern ducken sich elegant weg. Die Sängerin Ute Lemper aber knurrt, faucht und flüstert auf dieser Platte, wie man es kaum für möglich hält. Sie spielt mit ihrer Stimme wie die Katze mit dem Wollknäuel. Das Angestrengtsein ist längst weg.

Ute Lemper gehört zu den wenigen Stars, die ihren eigenen Sturz überlebt haben. Niemand kann ihr mehr etwas anhaben. Man könnte sagen: Die Kritiker hatten Recht, als sie Ute Lemper vor 20 Jahren vorhielten, dass sie noch nicht so weit ist. Man könnte auch sagen: ein Happyend.

Ute Lemper singt am 3.3. im Berliner Konzerthaus, 20 Uhr.

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