Kultur : Harakiri Altona

„Babylon must fall“ im Volksbühnen-Prater

Andreas Schäfer

Seit Jahren arbeitet die Volksbühne an der Abschaffung der fünften Wand: der zwischen Inszenierung und Premierenfeier. Das schwappt gut gelaunt durcheinander, und viele Regisseure sind eher Conferenciers (Rocko Schamoni) oder Bratwurst grillende Allesmacher (Jonathan Meese). Der neueste Theatersimulant heißt Jacques Palminger und ist als Schlagzeuger der Band „Dackelblut“ in Hamburg ein bunter Hund. In Berlin ist Palminger weniger bekannt und deshalb stellt er sich auch erst einmal vor: Früher, in den Achtzigern, habe auch er in Berlin gelebt, viel gekifft und getrunken.

Palminger trägt einen knappen Anzug und liest seine Bekenntnisse brav vom Blatt wie ein Konfirmand bei der Familienfeier. Der Punk als Spießer – Palminger geht offensiv mit seiner Masche um, und die Pointen, die diese Mischung aus Enthemmung und Verklemmtheit abwirft, knallen recht flach.

Auch in „Babylon must fall“ geht es hauptsächlich ums Kiffen. Eine Hippiekommune lebt im Norddeutschen auf einer Hanfplantage, die jeden Augenblick von Polizisten entdeckt werden kann. Junge Menschen sitzen in Militärklamotten um ein künstliches Lagerfeuer und singen hin und wieder Reggae-Klassiker. Das wäre so albern, wie es sich anhört, wenn Palmingers Pubertätshumor nicht von pathologischer Autoaggression und einer ambivalenten Faszination für den Ersten Weltkrieg unterfüttert wäre. Auf Videoleinwänden sieht man historische Kriegsbilder oder Fotos des japanischen Schriftstellers Yukio Mishima, der sich selbst entleibt hat, was Palminger offensichtlich so beeindruckte, dass er den „Harakiri-Stammtisch-Altona“ gründete.

Die meisten Schauspieler hat Palminger aus Hamburg mitgebracht. Nach einer Weile mischt sich Werner Fritsch unters Volk und trägt, mit reichlich Schaum vorm Mund, Texte von Ernst Jünger vor. So reißt Palminger Zeit und Erde auf, und aus dem Sandkasten steigen die morbiden Dämpfe der Vergangenheit, mischen sich mit Marihuana Wolken und viel Mehlstaub, den eine behelfsmäßige Bazuka ausspucken wird, wenn die Kiffer den Polizeihubschrauber vom Himmel holen werden. Das ist hochgradig kokett und hochgradig undurchsichtig, und im Hintergrund laufen viele G-8-Assoziationen leer. Aber da die Schauspieler wunderbar präzise Kommunerituale persiflieren und Jacques Palminger außerdem ein guter Schlagzeuger ist, lässt man sich für diese anderthalb Stunden gern einnebeln. Andreas Schäfer

Nächste Vorstellungen heute sowie am 12., 13., 26. und 27. Juni.

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