Harald Martenstein : Gewalt und Beziehungsgeschichten

Die Berlinale hat begonnen, und sie ist so ganzheitlich, nachhaltig, gewaltfrei und behindertengerecht wie noch nie. Zeit für Gewaltfilme, Hanfpeitschen und Sklaventransporte.

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Tagesspiegel-Autor Harald Martenstein bei der Berlinale.
Tagesspiegel-Autor Harald Martenstein bei der Berlinale.Foto: Thilo Rückeis

In einer Zeitung stand, als Ausblick auf die Berlinale: „Zwei Themen bestimmen den Wettbewerb, Gewalt und Beziehungsgeschichten.“ Da fiel mir auf, dass ich keinen einzigen Film kenne, in dem nicht Gewalt oder Beziehungsgeschichten vorkommen, oft sogar beides. Es trifft sogar für „Die Reise der Pinguine“ zu. Pinguine leben in stabilen Zweierbeziehungen. Wenn sie im Meer ihre Fische fangen, dann ist dies leider nicht ohne Gewalt machbar. Die Fische wehren sich und versuchen, wegzuglitschen.

Es ist die erste Bio-Berlinale. Sie soll ganzheitlich, nachhaltig, gewaltfrei, behindertengerecht, feministisch, klimaneutral, sensibel, Slow Food und bewusst sein. Am Roten Teppich leuchten Stromsparlampen, für die Pressemitteilungen müssen keine Bäume mehr sterben, weil alles per E-Mail kommt, und die Tragetasche wird erstmals aus Jute hergestellt, nicht mehr aus Plastik. In einer süddeutschen Zeitung wurde bereits vor Jutenwitzen gewarnt, dies sei geschmacklos.

Das Trinkwasser kommt von der Initiative „Viva con Agua“. 60 Prozent des Gewinns geht an Trinkwasserprojekte in Entwicklungsländern. Außerdem wird die Berlinale, so weit möglich, mit Ökostrom der Firma Entega betrieben, und das Öko-Institut erstellt eine Analyse des CO2-Ausstoßes. Ich habe beim Öko-Institut angerufen und gefragt, wie man die Öko-Bilanz eines Filmfestivals erstellt. Der Pressesprecher sagte: „Das ist recht einfach. Wir schauen auf den Stromzähler.“

Natürlich wird auch über eine Frauenquote bei den Preisen diskutiert, nur zehn Prozent der Bären gingen bisher an Regisseurinnen. 2008 stammten aber 29,8 Prozent der Berlinale-Filme von Frauen, neuere Zahlen habe ich nicht gefunden. Und Dieter Kosslick war, einst, Frauenbeauftragter in Hamburg. Trotzdem windet er sich in Interviews, wenn er auf die Frauenquote angesprochen wird. Er sagt: „Eine Quote würde wenig helfen.“ Ich habe recherchiert, der CO2-Ausstoß von Frauen liegt, wegen des geringeren Körpergewichts, deutlich unter dem von Männern. Es würde also durchaus helfen.

Das Öko-Institut wird bei vier Vorführungen das Publikum befragen, nach dem Transportmittel, mit dem das Publikum gekommen ist. Wenn sie mich fragen, sage ich: „Meine Sklaven haben mich aus Afrika hergetragen. Die Peitsche ist aus Hanf. Sie kriegen nur Gemüse zu essen. 50 Prozent sind Frauen. Und ich drehe einen Gewaltfilm über meine Beziehung zu ihnen.“ Dies transportiert optimal den Spirit der 61. Berlinale.

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